Über Dieter Wölms Aschaffenburgkrimi „Weinmordrache“

Dackel Oskar ermittelt

Herbstzeit ist für mich gleichbedeutend mit Krimizeit. Die Tage werden kürzer und gleichzeitig kühler. Mein Widerstand gegen die Verlockungen von Sofa, Wolldecke und -wahlweise- Rotwein oder Tee sinkt mit den Außentemperaturen und dem Sonnenstand. Damit es bei all der häuslichen Gemütlichkeit nicht zu cosy wird, brauche ich ein literarisches Kontrastprogramm. Bei mir sind das Krimis. Natürlich am liebsten Krimis, in denen Hunde mitspielen.

Diesen Herbst haben sich in meinem Bücherstapel einige Regionalkrimis eingefunden. Passend zum Thema meines Blogs beginne ich mit Dieter Wölms „Weinmordrache“: Bei ihm spielt Dackel Oskar eine tragende Rolle bei den Ermittlungen. Der kleine Rauhaardackel setzt seine Spürnase in den Dienst der Aschaffenburger Kriminalpolizei. Zwei grausame Morde, drei brutale Entführungen. Es gibt viel zu tun für den krummbeinigen Geruchsexperten und seinen frischgebackenen Besitzer Kommissar Rotfux.

Zwei Männer werden in ihren Weinkellern ermordet aufgefunden. Vor ihrer Ermordung waren sie misshandelt worden, danach hat jemand – geschrieben mit dem Blut der Opfer – die Zahl 7887 am Tatort hinterlassen. Dieter Wölm legt verschiedene Spuren zu möglichen Tätern und Motiven: In die Salafistenszene, zu Weinpanscherei, Mafia und Stasi. Oder handelt es sich doch einfach nur Verbrechen aus Eifersucht? Wölm gelingt es, mit seinem Plot, den Spannungsbogen bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Am Ende präsentiert er ein handfestes Mordmotiv mit passenden Tätern. Bis dahin ermittelt Rotfux mit seinem Team, in dem sich Oskar (der ursprünglich dem ersten Mordopfer gehörte) schnell als unverzichtbar beweist.

Wie von einem Regio-Krimi nicht anders zu erwarten, enthält auch Weinmordrache einiges an Lokalkolorit. Aschaffenburg und seine Umgebung werden vom Autor so attraktiv präsentiert, dass ich bei der Lektüre Lust auf einen Ausflug an den Main bekomme. Manchmal hören sind die Beschreibungen zwar etwas sehr nach Tourismus-Hochglanz-Prospekten an, aber im Regio-Genre verzeiht man (ich auch) dem Autor gerne, wenn der Lokalpatriotismus etwas mit ihm durchgeht. Wörl kommt aus dem Marketing, das merkt man dann manchmal auch an der „Schreibe“.

„Blutmordrache“ verschaffte mir mehrere Stunden spannende Lesezeit. Allerdings sollte man auch für diesen Regional-Krimi (wie für die meisten Bücher dieses Genres) die Latte für den literarischen Anspruch nicht all zu hoch hängen. Das wäre unfair und kostete Lesefreude.

Wölms Personen bleiben leider etwas blass und sind psychologisch nicht ganz durchgearbeitet. Vor allem bei den weiblichen Opfern von Entführung und sexueller Nötigung wäre eine realistischere Perspektive, etwas mehr Empathie, wünschenswert. Es ist nicht plausibel, dass sich eine Frau ernsthaft Gedanken über ihre Frisur macht („sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie sie nach dieser Prozedur aussehen würde“), wenn sie geknebelt, aufgehängt und von Unbekannten mit Messern malträtiert wird.

Kommissar Rotfux erscheint als Mensch ohne Schwächen. Beliebt im Kollegenkreis, in einer glücklichen Beziehung lebend und dazu noch einigermaßen gutaussehend: Soviel heile Welt ist Geschmackssache. Aber vielleicht bin ich durch die vielen geschiedenen, unglücklichen und privat erfolglosen Kommissare aus dem sonntäglichen „Tatort“ auf einen anderen Heldentypen konditioniert, als auf den des strahlenden, freundlichen Mannes von nebenan. Vielleicht dient die heile Rotfux-Welt im beschaulich schönen Aschaffenburg auch als Kontrastfolie, von der sich die Welt des Verbrechens besonders gut abhebt. Dem Genre Regiokrimi verzeiht man ein solch überschaubares Wirklichkeitskonstrukt durchaus.

Dackel Oskar ist natürlich der Sympathieträger der Handlung: Pfiffig und eifrig hat er immer seine Nase (pardon: seine Schnauze) ein Stück weit vorn, vor seinen menschlichen Ermittlerkollegen. Übrigens ist er ein sehr braves Exemplar seiner Art und lässt es etwas an der dackeltypischen Sturheit vermissen (ich weiß aus eigener Erfahrung, wovon ich da schreibe).

Mein Fazit: „Weinmordrache“ biete eine gute und spannende Unterhaltung für Weinfreunde und Freunde des klassischen und gut konstruierten Whodonit-Plots. Und für alle Dackelliebhaber ohnehin.


Beitragsbild: pexels.com

Abbildung Cover: Rechte beim Gmeiner-Verlag


Zum Buch:

Dieter Wölm: Weinmordrache. Ein Aschaffenburg-Krimi.

Gmeiner-Verlag, Meßkirch, 2017

340 Seiten, 11,99 Euro.

ISBN 978-3-8392-2058-0

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