Über Sara Baumes Romandebüt „Die kleinsten, stillsten Dinge“

Einauge findet Sonderling

Baume

Sara Baumes Buch beginnt mit einem Schock:

Ein Hund „rennt, rennt, rennt“. „Es ist kein Rennen, wie er es kennt.“

Gerade hat er bei einem Einsatz im Dachsbau ein Auge verloren. Er rennt, weiter als er jemals gerannt ist und lässt alles hinter sich. Stimmen. Gebrüll. Seine Kette.

Die Beschreibung von Einauges Befreiungslauf ist einzigartig. Einzigartig in ihrer sprachlichen Wucht und einzigartig in ihrer erzählerischen Einfühlungs- und Beobachtungsgabe. Es wird auf der ersten Seite klar: Hier schreibt eine Autorin, die sich in die Befindlichkeiten (ich möchte sagen in die Seele) eines Hundes einfühlen kann. Sie hat selbst einen Hund namens Wink („wo zum Teufel Du auch hergekommen sein magst“) und weiß wovon sie schreibt.

Mit „Die kleinsten stillsten Dinge“ legt die junge Autorin (Jahrgang 1984) kein putziges Wauzi-Buch vor, sondern eine literarisch unendlich feine Studie zweier Sonderlinge und Außenseiter. Da ist Einauge, der entlaufene Problemhund und Ray ein einsamer Sonderling, der sich diesen Hund aus dem Tierheim holt. Abgesehen von Pro- und Epilog erzählt Ray die Handlung. Er erzählt sie aber nicht uns, den Menschen – von denen der Sonderling nichts Gutes erwartet – sondern seinem einäugigen Hund. Dem einzigen Lebewesen weit und breit, das ihm überhaupt zuhört. Diese Erzählhaltung gibt dem Buch etwas sehr Intimes. Man lauscht, wie ein mittelalter einsamer Mann, der die Kommunikation mit seinen Mitmenschen längst eingestellt hat, seine Lebensgeschichte an einen davongelaufenen, mittelalten Hund adressiert.

Ray und Einauge (der vordergründig angeschafft wurde, um die Ratten in Rays Haus zu dezimieren) führen gemeinsam das Leben zweier Outlaws. Ray lebt alleine in seinem verwahrlosten und unheimlichen Elternhaus. Er fürchtet sich vor Nachbarn und Behördenvertretern. Menschen unterhalten sich kaum mit ihm und wenn,

„dann gedämpft und leblos, als sein ihnen unsere Unterhaltung sofort unerträglich.“

Einauge wird nach zwei Beiß-Attacken auf andere Hunde zum Problemhund und Ray hat Angst davor, dass man ihm den Hund wegnehmen könnte. Kurzerhand bricht Ray mit seinem einäugigen Kumpanen zu einer Irrfahrt durch Irland auf. Sie fahren in Rays klapprigen, alten Wagen umher. Rastlos und ohne Ziel. Was zu Beginn noch nach Freiheit und Aufbruch aussieht endet im Winter, als es kälter wird und das Geld ausgeht, trostlos. Ray und seinem Hund ist nur ein einziges gemeinsames Jahr gegönnt.

Und während das unzertrennliche Paar durch ein Irland abseits der Postkartenidylle streunt, gräbt Ray immer tiefer in seinem Gedächtnis. Eine trostlose Kindheit, ein liebloser Vater und eine Gesellschaft, die sich um den ungepflegten Sonderling nicht kümmert. Man kommt dem sonderbaren Typen nah, während man mit ihm auf dieser sonderbaren Odyssee durch ein tristes Irland unterwegs ist. Näher, als es einem lieb ist. Die Geschichte ist bedrückend und von großer Zartheit. Man würde beiden so sehr eine gemeinsame Zukunft gönnen und ahnt doch, dass diese Geschichte kein Happy-End haben wird.

Sara Baume studierte (neben Creative Writing) auch Kunst und Design. Das merkt man auch beim Lesen: Sie hat ein geschultes Auge für Details. Für die „kleinsten, stillsten Dinge“ eben. Ray ist einer, der auf diese kleinsten, stillsten Dinge achtet. Er erkennt in einem Kaugummibrocken den Pterodaktylus und betrachtet den Wolframdraht in der Glühbirne. Der Roman enthält viele deskriptive Passagen. Ich habe sie nie als Längen empfunden. Wenn sie Ray seinen Hund beschreiben lässt, hat man das Tier vor Augen. Nicht nur seinen Äußeres, sondern den gesamten Habitus:

„Du hast eine Präsenz, als wärst du drei Meter groß, aber du bist dünn, wie ein junger Kater. Dein Brustkorb verjüngt sich zum Bauch, dein Rumpf läuft in einen um drei Viertel kupierten Schwanz aus, und der größte Teil deines Gewichts liegt vorn, wie bei einer Schubkarre.“

Das gesamte Buch ist auch eine Liebeserklärung. Eine Liebeserklärung Rays an sein Einauge und irgendwie auch eine von Sara Baume an ihren Hund Wink. Baumes präzise Beobachtungen und Beschreibungen kommen ohne niedliche Vermenschlichungen aus und sind voller Zuneigung. Das Buch hat mich berührt und begeistert.



Cover: Rechte Rowohlt-Verlag

Beitragsbild: Rechte bei der Künstlerin Anna-Bess Meredith mit herzlichem Dank für die Überlassung



Zum Buch:

Sara Baume: Die kleinsten, stillsten Dinge.

Roman.

Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren

Rowohlt-Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2016.

284 Seiten. 19,95 Euro.

ISBN 978-3-498-05811-1

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