Über Grayson Perrys unterhaltsame Einführung „So geht Kunst“

Moderne Kunst verstehen und (vielleicht) lieben lernen

Kunst im Hunde-Buch-Blog? Ja! Unbedingt. Die Besucher der Facebook-Seite „Hund-im-Buch“ kennen unsere lockere Reihe von (tierischen) Kunstspaziergängen „…Und sonntags ins Museum“. Kunst und Tiere passen prima zusammen. Affen malen, Hunde beschnuppern monumentale Plastiken und immer wieder sind Tiere aller Art begehrte Modelle von Künstlern.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“, formulierte einst Karl Valentin. „Kunst ist schön“, möchte ich das Zitat umformulieren, „macht aber dem Betrachter viel Arbeit.“

Tatsächlich, je zeitgenössische die Exponate sind, umso ratloser steht der Betrachter häufig davor.

Das ist schade. Nun möchte aber nicht jeder ein paar Semester Kunstgeschichte studieren oder kiloschwere Bücher wälzen, um zu besser zu verstehen, was in den heiligen Hallen der Museen, Ausstellungshäusern und Galerien so gezeigt wird.

Grayson Perry hat mit seinem knallig illustrierten Buch „So geht Kunst“ genau für diese Fälle eine Lösung parat. Unterhaltsam und locker schlendert der Autor mit uns durch die Kunstszene, besucht Ausstellungen, spricht über Qualität und versucht sich der schwierigen Frag zu nähern: „Was ist Kunst?“

Der Autor Grayson Perry (geboren 1960 in Essex) ist bildender Künstler und kennt die britische Kunstszene von innen. 2003 gewann er den renommierten Turner-Preis. In Großbritannien zählt er zu den wichtigsten und bedeutendsten zeitgenössischen Kunstschaffenden. Perry ist ein schriller Typ, schätzt Cross-Dressing und tritt oft als „Claire“ in Frauenkleidung auf. Sein künstlerisches Markenzeichen sind bunt bemalte Keramikarbeiten.

Über sich selbst witzelt er: „Sogar mich, einen Töpfer und Transvestiten aus Essex, hat die Kunstmafia hereingelassen.“

Perry ist ein sympathischer Tiefstapler, der uns auf witzige und hintersinnige Art Einblicke in den zeitgenössischen Kunstbetrieb ermöglicht.

Es geht bei ihm um Kunst und Kommerz, um arme Künstler und reiche Sammler, aber eben immer wieder auch um die Kunst als solche. Perry schildert die Zwickmühle in der Kunst zwischen Massengeschmack und Anspruch aufgerieben zu werden droht. Eine seiner verwegenen Thesen lautet: „Die Demokratie hat einen schlechten Geschmack“.

Seine Betrachtungen setzen bei Marcel Duchamps („der mit dem Urinal-Ruhm“) ein und widmen sich der Frage, nach dem „ästhetischen Vergnügen“ bei der Kunstbetrachtung. Man muss hier aber keine theoretischen kunstwissenschaftlichen Abhandlungen befürchten, keine Ismen, keine Fremdwörter. Perry schreibt anschaulich, ironisch und unterhaltsam. Er schreibt genauso, wie man sich gerne auf einem Vernissage-Abend mit einem guten Freund unterhalten würde; mit jemandem, der einen unterhakt und – von Bild zu Bild schlendernd – komplexe Sachverhalte und abstrakte Fragestellungen so vermittelt, dass man danach mehr weiß als zuvor. Ohne das man sich – und darin liegt die Kunst Perrys – zwischendrin dumm, provinziell und unwissend vorgekommen ist.

Mitten in die Betrachtungen von Ästhetik und Kunstbegriff platzen verstörend pragmatische Formulierungen; zum Beispiel

„dass man nur mit solchen Werken richtig Karriere machen kann, die in den Lift eines New Yorker Apartmenthauses passen.“

Grayson Perry macht sich über das “International Art English“ lustig, eine überhebliche Elitesprache, die klingt wie „laienhaft übersetztes Französisch“. Sollte man sich nicht besser diese Fachsprache aneignen, um Kunst zu verstehen zu können? Perry entlastet uns von diesem Anspruch: „Nein, das müssen sie nicht.“

Anstelle einer Liste mit Lektüreempfehlungen, empfiehlt Perry eine verblüffend einfache Methode der Kunstbetrachtung: „Stellen Sie sich das Gespräch vor, das stattfinden würde, wenn ein Käufer das Kunstwerk in ungefähr 100 Jahren bei einer Zukunftsversion von Kunst und Krempel im Fernsehen schätzen lassen würde. Bei mir funktioniert das!“

Ich werde seine Methode beim nächsten Ausstellungsbesuch testen!


Abbildung Cover: Rechte beim Prestel-Verlag

Beitragsbild: Georg Friedrich Kersting: Caspar David Friedrich in seinem Atelier, 1811

http://www.bildindex.de/document/obj00012073

Leseprobe: So geht Kunst


Zum Buch:

Grayson Perry: So geht Kunst. Die heutige Kunstwelt verstehen und vielleicht lieben lernen.

Prestel Verlag, München, 2017.

Mit vielen Illustrationen des Autors.

144 Seiten. 18 Euro.

ISBN 978-3-7913-8336-1

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