Über David Garnetts Roman „Dame zu Fuchs“.

Born to be wild. Wenn eine Hausfrau ihre animalische Seite auslebt.

dame zu fuchs

Was passiert, wenn die Grenzen zwischen Mensch und Tier verwischen? David Garnett (1892-1981) probiert es aus. In seinem ersten Roman Dame zu Fuchs (original Lady into Fox, 1922) schildert er eine „eigenartigen Begebenheit“: Mrs. Tebrick, glücklich verheiratete Dame der englischen Oberschicht, verwandelt sich in eine Füchsin. Das Ganze geschieht ohne Vorwarnung, wenn man nicht ihren Mädchennamen (Silvia Fox) und die Tatsache, dass sie schon als Kind einen wahren Ekel gegen Fuchsjagden empfand, als böses Omen nehmen möchte.

In ihrem Äußeren weder „fuchsartig oder fähenhaft“ verwandelt sich die gut erzogene Silvia – „eine Frau von vorbildlichen Prinzipien“ – am Neujahrstag des Jahres 1880 mit einem Mal in einen zierliche, kleine Füchsin.

Die Änderung im Aussehen seiner Ehefrau stellt Mr. Tebrick vor große Herausforderungen. Aber was noch schlimmer ist: Auch das Wesen der gebildeten und kultivierten Ehefrau ändert sich. Ihr Verhalten wird fuchsartig und zu allem Übel: Sie beginnt nach Fuchs zu riechen. David Garnett schildert diese Geschehnisse mit feiner Beobachtung und viel Humor. Die physischen und psychischen Veränderungen von Mrs. Silvia Terbrick bringen das behagliche und angenehme Leben des jungen Ehepaares völlig durcheinander. Während Mr. Tebrick versucht den äußeren Schein zu wahren, entwickelt sich Silvia mehr und mehr zu einem wilden Tier. Auf dem Weg dorthin verweigert sie irgendwann die morgendliche Körperpflege, weicht von ihren hervorragenden Tischmanieren ab und verspeist schließlich auf dem Wohnzimmerteppich ein zahmes Kaninchen. Silvia scheint ihre Veränderung zu genießen. Aber Mr. Tebrick? „Mit seiner Fähe war es (…) soweit gekommen, dass er ihr in der Tiefe seines Herzens nicht mehr vertraute.“

Garnett führt die zivilisatorischen Fesseln vor, aus denen sich die Fähe langsam freimacht, ihre Tierwerdung scheint auch ein Akt weiblicher Emanzipation zu sein: Sie schläft nicht mehr bei ihrem Gatten und entwickelt eine gewisse Libertinage, wenn es um den körperlichen Kontakt geht. Garnett lässt den bekümmerten Ehemann Trost in Richardsons altertümlichen Briefroman Clarissa (aus dem Jahr 1748) suchen. Silvia verweigert sich der moralschweren Lektüre und belauert lieber den Vogelbauer.

Es macht Freude zu lesen, wie Garnetts Füchsin Stück für Stück die viktorianische Kultiviertheit und Prüderie aufgibt. Die Fähe treibt ihre Freizügigkeit soweit, dass sie sich von einem fremden Fuchsrüden schwängern lässt. Mr. Tebrick ist in seiner unauflöslichen Loyalität bereit, zu verzeihen. Garnett brilliert darin, Szenen dieser kuriosen Patchworkfamilie zu beschreiben. Mr. Tebrick entwickelt sich in seiner unerschütterlichen Liebe zu einem gesellschaftlichen Außenseiter, lebt das Leben eines nachlässigen, kauzigen Einzelgängers. Für Etikette und Regeln des bürgerlichen Anstands empfindet er nur noch Bitterkeit.

Garnetts kleiner Roman ist ein großes Lesevergnügen. Humorvoll, ironisch und mit liebevoller Beobachtungsgabe schildert der Autor menschliche Schwächen und tierische Eigenheiten. David Garnett, Mitglied der Bloomsbury-Group um Virginia Woolf, überzeichnet mit der Darstellung der naiven Prüderie des treuen Mr. Tebrick die gesellschaftlichen Gepflogenheiten der post-eduardianischen Epoche. Diesem Effekt tut die Rückdatierung der Romanhandlung in das – für seine Doppelmoral berüchtigte – viktorianische Zeitalter keinen Abbruch.

Verwandlungen von Mensch zu Tier sind ein gebräuchlicher literarischer Topos. Der Werwolf hat seine Anfänge bereits im Gilgamesch-Epos und reicht über Annette von Droste-Hülshoff bis in die heutige Genreliteratur. Gregor Samsas Verwandlung in einen Käfer datiert in das Jahr 1912 und dürfte David Garnett geläufig gewesen sein. Garnett variiert das Thema jedoch. Weder ein blutrünstiger Wolf noch ein melancholischer Käfer stehen uns als Leser gegenüber sondern eine kleine, sympathische Fähe; freiheitsliebend und unkonventionell. Ein kluges kleines Buch, das – bei aller Ironie – auch die Geschichte einer großen Liebe ist.

Zwei Jahre später greift David Garnett in Mann im Zoo (A Man in the Zoo, 1924) die Passierbarkeit der Mensch-Tier-Schranke wieder auf (meine Rezension:). Aus dem Englischen wurden beide Romane von Maria Hummitzsch neu übersetzt und zeichnen sich durch eine gut lesbare, feingestimmte Sprache aus.

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Beitragsbild: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

David Garnett: Dame zu Fuchs.

Dörlemann-Verlag, Zürich 2016.

160 Seiten. 17 Euro.

ISBN 978-3-03820-026-0

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