Über David Garnetts Roman „Mann im Zoo“

Vor und hinter Gittern

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Was geschieht, wenn sich die Grenzen zwischen Mensch und Tier verwischen? Der englische Schriftsteller David Garnett (geboren 1892) widmet diesem Thema zwei seiner frühen Romane. 1922 variiert er in Lady into Fox das Wehrwolfthema, indem er eine englische Hausfrau in einen Fuchs verwandelt. 1924 greift er in Mann im Zoo (A Man in the Zoo) das Mensch-Tier-Thema wieder auf.

Ein Liebespaar – John Cromartie und Josephine Lackett – besucht an einem Frühlingstag den Londoner Zoo. Bereits beim Passieren des Drehkreuzes sind die beiden im Streit. Es geht um Aufrichtigkeit, Gott und die Welt und letztlich um die große Frage der Ausschließlichkeit von Liebe. Man flaniert vorbei an Dingos und Schlankhunden, Löwen und Tigern. John empört sich darüber, dass die Menschen „alles Schöne einfangen und wegsperren, um dann in Scharen herbeizueilen und mit anzusehen, wie es nach und nach verendet.“

Immer mehr drängt John seine Geliebte zu einer Entscheidung für ihn und damit zugleich  gegen alle anderen. Josephine will nicht abhängig von diesem mittellosen Mann sein, nicht ihre Bindungen zum Elternhaus kappen. Einen „Barbaren“ nennt sie ihn, ein „wildes Tier“, und schließlich fällt der folgenschwere Satz: „Du gehörst in den Zoo, die Sammlung ist nicht vollständig ohne dich.“

Stolz und störrisch wie er ist, beschließt John – auf diese Weise provoziert – Josephines Einwurf in die Tat umzusetzen. Er schreibt an den Direktor des Zoos, schließt mit der Zooverwaltung einen entsprechenden Kontrakt und zieht schließlich in einen Käfig im Affenhaus.

David Garnett schreibt seine Geschichte um den jungen Mann, der mit seinen Büchern und Möbeln zwischen Orang-Utan zur Rechten und Schimpanse zur Linken ein Herrenzimmer bewohnt, in anschaulicher und unaufgeregter, launischer Sprache mit einer unaufdringlichen Prise Humor. So versieht er das Schild am Käfig des juvenilen, männlichen Exemplars des Homo sapiens mit dem Hinweis, den „Menschen nicht durch persönliche Bemerkungen zu reizen.“

Die beiden Protagonisten John und Josephine besitzen genügend Selbstironie, um aus der absurden Situation halbwegs unversehrt wieder herauszukommen. Die Versuchsanordnung, ein Exemplar der Gattung Mensch hinter Gittern und den dazugehörigen Beziehungspartner sozusagen im Freigang zu betrachten, liest sich spannend und vergnüglich. Die Überlegungen, die die beiden vor und hinter dem Gitter des Menschenaffenkäfigs anstellen, lesen sich modern. Der wiederholte paradoxe Versuch, sich gegenseitig durch Rarmachen und Zurückweisung zurückzugewinnen, durch Unnachgiebigkeit und Beharrlichkeit Boden in Liebesangelegenheiten zu gewinnen: Ob Homo Sapiens im Affenhaus oder junge Frau aus der besseren Gesellschaft, die Dinge nehmen den gewohnten quälenden Lauf, den solche Auseinandersetzungen immer nehmen. Garnett protokolliert die Reflexionen geduldig und pointenreich, schildert die Probleme eines Rendezvous, wenn nicht nur Gitterstäbe zwischen den Streitenden, sondern auch noch Massen von Zoobesuchern, die den „Menschen“ begaffen wollen, die Intimität empfindlich stören.

John Cromartie avanciert zum „Diogenes des Londoner Zoos“, kann jedoch – nachdem die anfängliche Begeisterung abgeebbt ist – „in puncto Beliebtheit mit den anderen Kreaturen“ nicht mithalten. In seinem Herrenzimmer versucht er sich und seine Position im Zoologischen Garten auszuloten. Der juvenile Homo sapiens ist zwar angenehmer Gesprächspartner für den Zoodirektor, sich ansonsten seiner Beliebigkeit und Ersetzbarkeit jedoch bewusst. Schon in den 1920er-Jahren gab es in den Zoologischen Gärten anscheinend Tiere, die zu Stars avancierten, wie es heute noch vermeintlich niedlichen Eisbärbabys gelingen kann. Einzelne Tier-Exemplare wurden (und werden) als „gute Freunde“ besucht. John ist von Anfang an in der Lage, sich empathisch in die Tiere einzufühlen. Garnett wird jedoch niemals kitschig oder larmoyant, wenn es um die Situation der eingesperrten Mitgeschöpfe geht. John denkt darüber nach, welch hartes und übles Schicksal das Eingeschlossensein für wilde Tiere sein muss. Dies „ging ihm so nah, dass ihm sein eigenes Schicksal nur noch halb so schlimm erschien“.

Der Karakal, der schließlich zu Johns engem Vertrauten werden soll, spiegelt in seiner Traurigkeit den Seelenzustand des Protagonisten. Unermüdlich läuft das arme Tier hin und her, „mit einer Einförmigkeit, die sich aus unsagbaren Kummer zu speisen scheint.“

Natürlich erinnern Garnetts Schilderungen dieses Karakals wie auch die eines Tigers, der im Käfig hin- und herläuft und „unerträglich vertraut“ erscheint, an Rainer Maria Rilkes Gedicht Der Panther. Rilke verfasste es Anfang des Jahrhunderts nach einem Besuch im Jardin de Plantes in Paris. Bei ihm wie bei Garnett geht es ums Eingesperrtsein, um die Dichotomie von Drinnen und Draußen (auch von Innenwelt und Außenwelt), um den menschlichen Blick in die stumme, eingesperrte Seele. Garnetts Zootiere sind – wie Rilkes Panther – in diesem Sinne auch Projektionsflächen des Dichters.

Überhaupt ruft Garnett immer wieder Bezüge zur (meist zeitgenössischen) Literatur auf. Ganz zu Beginn nennt Josephine ihren John „Tarzan bei den Affen“ und greift dabei auf Edgar Rice Burroughs gleichnamiges Buch aus dem Jahr 1914 zurück. Tarzan (wie auch schon Rudyard Kiplings Mogli von 1895) sind Protagonisten ähnlicher literarischer Versuchsanordnungen: Menschenkinder, die unter wilden Tieren leben. Freilich treibt Garnett diesen Versuch in seiner Variation des Themas auf die Spitze, wenn er einen erwachsenen Menschen freiwillig in das Londoner Affenhaus ziehen lässt.

Garnetts Protagonist Cromartie ist nicht auf ein Urwaldabenteuer unter wilden Tieren aus. Er sucht die künstliche Laborsituation, in die er mit bildungsbürgerlicher Lektüre Einzug hält: James George Frazers Der Goldene Zweig und Johann Wolfgang Goethes Wilhelm Meister sowie ein Band mit chinesischer Lyrik in der Übersetzung Arthur Waleys. Cromartie ist das Musterbild eines gebildeten Mitteleuropäers und das Gegenteil eines muskelbepackten und athletischen Tarzans. Er nimmt sich eine Auszeit und durchlebt in seinem Käfig (fast) keine Urwaldabenteuer, sondern einen inneren Prozess der Selbstfindung.

Garnett und sein Protagonist arbeiten sich jedoch nicht nur an der Mensch-Tier-Beziehung ab, sondern auch am Verhältnis des weißen Mitteleuropäers zu Menschen aus anderen Kulturkreisen: Da der Zoo Interesse daran hat, ein möglichst breites Spektrum der Spezies Mensch abzubilden, beschließt man, „einen zweiten Menschen folgen zu lassen – einen Schwarzen.“ John und sein neuer Käfignachbar Joe verstehen sich nicht gut. Garnett skizziert das Klischee eines unkultivierten Schwarzafrikaners, den man zunächst in Hemd, Anzug und Lackstiefel und schließlich in einen Käfig gesteckt hat. Natürlich hat Cromartie – progressiv und politisch korrekt – „keine Vorurteile gegenüber Menschen dieser Hautfarbe“, dennoch löste „aber gerade dieser Kerl eine starke Ablehnung in ihm aus, und diese Aversion nahm mit der Zeit zu.“

Erstveröffentlichung der Rezension auf  literaturkritik.de am 18.4.2017.


Beitragsbilder: Urheberrechte beim Verlag


Über das Buch:

David Garnett: Mann im Zoo. Dörlemann-Verlag, Zürich 2017.

Aus dem Englischen von von Maria Hummitzsch

160 Seiten. 17 Euro. ISBN 978-3-03820-040-6

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