Über Oswald Wieners und Helmut Schoeners CD „Tiermusik. Team of Jeremy Roht“.

Die singenden Hunde vom Yukon.

tiermusik

Sie heißen Bones, Chicken, Coco, Flash, Fubab, Raygun, Redbear und Tilt, sie leben am Yukon, rund 250 km südlich des nördlichen Polarkreises. Und sie singen A capella; bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit.

Mit Animal Music. Team of Jeremy Roht ist dem Kybernetiker, Jazzmusiker und Sprachwissenschaftler Oswald Wiener zusammen mit Helmut Schoener eine außerordentliche CD gelungen: Acht Hunde, begleitet von zwei Welpen, machen gemeinsam Vokal-Musik.

Zur Hörprobe (Verlagsseite, bitte Cover anklicken)

Die Spontanität der Hunde stellte die Technik vor Probleme: Ihre kurzen Konzerte kündigte das Ensemble nicht an, so dass die 35 Tracks, jeweils nur wenige Minuten lang, mit einem automatischen Recorder aufgenommen werden musste. Die Sänger von Jeremys Team stehen für Studioaufnahmen nicht zur Verfügung. Sie singen im Freien, bei Schnee, Regen und Eis. Unplugged in jeder Hinsicht. Spontan beginnt einer von ihnen zu singen, nacheinander setzen die anderen ein. Greifen Stimmlagen auf, intonieren immer wieder neu. Kalibrieren ihr Geheul, passen sich den anderen Stimmen an, verändern die Tonlagen, variieren die Melodik.

Die Hundemusik erschließt sich erst nach mehrmaligem Hören und wirkt – ich gebe es zu – zunächst gewöhnungsbedürftig. Man braucht etwas Übung, um sich in den Sound hinein zu versenken. Gelingt einem das, ist die Hundemusik in ihrer Wirkung melodisch und frappierend musikalisch. Man hört die Töne und Stimmen immer wieder neu, erkennt feine Differenzierungen.

Wiesner und Schoener legen ein kleines Booklett bei, das eine kurze aber hilfreiche Einführung in die „Canine Music“ gibt. So erfährt man, dass Hundemusik anders als die (misstönende) Katzenmusik keinen Werbungscharakter besitzt. Der Hundegesang ist nie „Ausfluss erotischer Gemütslagen“. Wiesner unterstellt den vierbeinigen Vokalkünstlern ein „allgemeineres ästhetisches Bedürfnis“, das auch über die Markierung des Territoriums (die ein Motiv des Vogelgesangs) hinausgeht.

Charles Darwin hatte 1872 bereits formuliert, dass „die Vorfahren des Menschen musikalische Töne vor dem Erwerb der Sprachfähigkeit hervorgebracht haben und (…) unter dem Einfluß starker Emotionen die Stimme einen musikalischen Charakter“ annimmt. Musik – so stellt Darwin fest – ist in der Lage nicht nur beim Menschen starke Emotionen wachzurufen. Hiervon kann man Hunde nicht ausnehmen.

Wir wissen nicht, was Hunde empfinden, wenn sie Wagner hören. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Tiere menschliche Musik als ästhetisches und emotionales Ereignis wahrnehmen. In Kuhställen steigert klassische Musik vom Band die Laktation. Beethovens Pastorale und Bridge over troubled Water wirken Wunder[1].  Wird der Beat zu heftig sinkt die Milchleistung.

In seinem Buch Der Geschmack von Laub und Erde formuliert Charles Foster seinen Glaubenssatz: „Spielt man einem Dachs die h-Moll-Messe vor, dann hört er die h-Moll-Messe.“ Ich persönlich durfte viele Jahre mit dem wunderbaren Bretonenrüden Fido zusammenleben, der bei Orchesterwerken von Mozart leise mitsummte und richtig in Fahrt kam, wenn er Maria Callas singen hörte. Die Englischen Setter von Elisabeth Mann-Borgese (Tochter von Thomas und Katia Mann) spielten Klavier[2].

Inwieweit die Hunde am Yukon Kontakt zu menschlicher Musik haben, ist mir nicht bekannt. Gesetzt den Fall, Musik überschreitet nicht nur kulturelle Grenzen (was man kaum bestreiten wird) sondern auch die Grenzen zwischen den Arten (also zwischen Mensch und Tier), dann gilt dies sicher für beide Richtungen: Tiere reagieren auf unsere Musik und wir – im Umkehrschluss – auf Canine Music.

Ich kann und mag hier nicht musikwissenschaftlich argumentieren, sondern beschränke mich auf mein individuelles Hörerleben: Für mich ist das, was das Kaniden-Oktett hervorbringt, Musik. In ungewohnter und fremder Harmonik, etwas eigenmächtig und eruptiv, was die Einsätze der Solisten angeht. Wiesner weist auf Herbert Spencer, den von Darwin inspirierten Soziologen, hin: Der war sich sicher, das „bestimmte Töne (…) Vergnügen bereiten“, vor allem, wenn sie zu Wiederholungen und einfachen Symmetrien gestaltet werden. Das Hundeteam vom Yukon versteht es, mit seinen Lauten Vergnügen zu bereiten. Zumindest funktioniert dies bei mir.

Es ist allgemein bekannt, dass Hunde erst im Laufe der Domestikation ihre Kommunikation auf das Bellen verlagerten. Der erwachsene Wolf bellt nicht, sondern heult. Die Gesangstruppe vom Yukon heult ebenfalls. Wenn nicht die Welpen und einzelne Abweichler dabei wären, die in den Gesang hineinbellen. Die Harmonie in Gefahr bringen, dabei jedoch auch dem Vokalklang einen interessanten percussiven Charakter verleihen. Diese Passagen wirken heiter, weil das Bellen so ansteckend ist, Alles ins Chaos stürzt. Junge, umstürzlerische Wilde, die den Gesang des hündischen Establishments aufmischen. Canine Music hat eben nicht den unerbittlichen Ernst des klassisch-humaniden Musikbetriebs. Erfrischend anders!


Beitragsbild: Rechte beim Verlag


Zur CD:

Oswald Wiener und Helmut Schoener: Animal Music. Tiermusik: Team of Jeremy Roht. West Dawson, Yukon-Territory.

Supposé, Köln 2001. Audio CD, 50 Minuten, 35 Tracks. 18 Euro. ISBN 3-932513-25-8

[1] (http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/1201381/)

[2] http://www.houndsandpeople.com/de/magazin/gesellschaft/nikolaus-gelpke-und-elisabeth-mann-borgese-mit-ihren-hunden/

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