Über Karin Sagners Buch „Frauen auf eigenen Füßen“.

Unterwegs mit und ohne Anstands-Wauwau.

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Strandspaziergänge, Wanderungen am Wochenende, Flanieren auf Promenaden und durch Parks: Bewegung an der frischen Luft tut Körper und Seele gut. Das wissen nicht nur Hundebesitzer. Es ist für uns heute selbstverständlich, wann immer unsere Zeit es zulässt, hinauszugehen. Ob zum Wandern, Bummeln, Joggen oder Biken. Aber das war nicht immer so. Vor allem nicht für Frauen.

Karin Sagner erkundet in ihrem Buch Frauen auf eigenen Füßen, wie sich – im 18. Jahrhundert beginnend – Frauen auf den Weg machen, sich auf eigenen Füßen hinaus in die Natur zu begeben.

Sie selbst nennt ihre Spurensuche „Geschichte der mitteleuropäischen Fußgängerin“, das klingt zwar etwas sperrig, entstanden ist aber mit ihrem Buch ein abwechslungsreicher Spaziergang durch die Geschichte. 250 Jahre, in denen sich die sukzessive Emanzipation eben auch darin zeigt, dass Frauen sich ohne männliche Begleitung und Anstandsdamen aufmachen, die nähere und weitere Umgebung zu erobern. Zuerst mit Sonnenschirm und Knöpfstiefelchen und später in wetterfester Kleidung und solidem Schuhwerk.

Natürlich gibt es auch vor dem Ende des 18. Jahrhunderts Frauen, die sich auf den Weg in die Natur und zu fernen Zielen machen (Maria Sibylla Merian war ein solche forsche Ausnahmeerscheinung). Bäuerinnen und Mägde legen weite Strecken zu Fuß zurück, Arbeiterinnen gehen selbstverständlich zu Fuß zu ihren Manufakturen und Fabriken. Sagner konzentriert sich in ihrer Untersuchung jedoch auf das Spazierengehen, Wandern und Flanieren, das seine Motivation einzig aus der Lust auf Bewegung, frische Luft und Naturerleben zieht. Daraus ergibt sich, dass sie in ihrem Buch hauptsächlich bürgerliche und adlige Frauen auf ihren Gängen begleitet; Frauen also, die über freie Zeit zu einem solchen Müßiggang überhaupt erst verfügen. Die Demokratisierung öffentlicher Grünanlagen ab Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnet breiteren Schichten die Möglichkeit, an Feierabend und Wochenende Erholung im Grünen zu suchen.

Sagners historischer Abriss ist eng mit vielen Illustrationen verschränkt, die das Buch zu einem Augenschmauß machen. Die Autorin, Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf dem 19. Und 20. Jahrhundert, wählt zu diesem Zweck eine reiche Anzahl von zeitgenössischen Gemälden aus. Beginnend mit der vornehmen Gesellschaft auf der Promenade in Longchamp (Gabriel De Saint-Aubin,1760) bis zu den drei sportlichen Wandererinnen von James Walker Tucker (1936). Die ausgewählten Gemälde bieten – im Nebeneffekt – Einblicke in die Kultur- und Kostümgeschichte der Zeit und veranschaulichen die Inhalte des Buches außerordentlich lebendig. Sagner dechiffriert die dargestellten Details und Accessoires, aus denen sich soziale Zugehörigkeiten ablesen lassen.

Originalquellen, wie Johann Adolf Werners Anstandsregeln aus dem Jahr 1834 verdeutlichen, wie kleinlich das Frauenleben noch im 19. Jahrhundert reglementiert war: Das starke Auftreten beim Gehen mag zu einem Mann passen, „leiser aber soll die Jungfrau auftreten, damit man sie nicht herrschsüchtig, gebieterisch, verachtend und stolz nenne.“

Zwischen den Geschlechtern gibt es unterschiedliche „Gehkulturen“. Während der Mann sich die Großstadt als Flaneur erobert und sie als Maler abbildet, konzentriert sich das Leben der bürgerlichen Frau auf Haushalt und Familie. Moralisch suspekt ist es für sie, alleine und ziellos durch die Stadt zu schlendern. Eine akzeptable Ausnahme bildet gerade noch der Schaufensterbummel. Zahlreiche Bildbeispiele dokumentieren den (männlichen) Blick auf die Fußgängerin: Oftmals sind es Frauen mit zweifelhaftem Ruf, die sich in den Großstadtbildern bewegen.

Bis es zur sportlich wandernden Frau kommt, die alleine in Flachland und Gebirge unterwegs ist, ist der Weg ein weiter. Bis ins 20. Jahrhundert hinein, benötigen Frauen, wenn sie alleine unterwegs sein wollen, „unverzichtbare Begleiter“. Sagner zählt sie auf: Das erbauliche Buch, der Handarbeitskorb und – zunehmend populärer – der Hund an langer Leine. Sie geben dem Spaziergang einen akzeptablen „Zweck“, verwischen den Vorwurf von Leichtlebigkeit und Müßiggang.

Der Hund als statthafter Begleiter seines Frauchens ist stets auch Statussymbol – vor allem vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert eingeführten Hundesteuer, die den kleinen Hund zum Luxusartikel machte.

Dem ungezwungenen Aufenthalt in der Natur stehen nicht allein strenge Anstandsregeln entgegen, sondern auch die weibliche Mode als solche. Feines Schuhwerk, voluminöse Reifröcke und enge Korsetts behindern die Frau an der Bewegung, reduzieren ihren Aktionsradius auf Boulevards und Parklandschaften. Das 20. Jahrhundert bringt mit der Befreiung der Mode auch die Voraussetzungen, sich in der Natur (am Strand und im unwegsamen Gelände) zu bewegen.

Neben den vielen wundervollen Bildbeispielen reichert Karin Sagner ihr Buch mit zahlreichen Zitaten berühmter Frauen (von Elisabeth von Arnim bis Virginia Woolf) an. Das Buch ist eine einzige Verführung, hinauszugehen. Ob mit oder ohne Hund.


Beitragsbild: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

Karin Sagner: Frauen auf eigenen Füßen. Spazieren, Flanieren, Wandern.

Sandmann-Verlag, München 2016. 160 Seiten. 24,95 Euro. ISBN 978-3-945543-21-4.

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