Über Marion Poschmanns Roman “Die Sonnenposition“.

Schatten, Licht und Morbidität.

sonnenposition

Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition ist ein klassischer Fall für meine Rubrik „Buch ohne Hund“! Das Buch kommt zwar komplett ohne Hunde aus, ist aber ein so besonderes Stück Literatur, dass ich es an dieser Stelle unbedingt besprechen muss. In Die Sonnenpostion kommen nämlich zwei weitere meiner Leidenschaften voll und ganz auf ihre Kosten: Meine Begeisterung für historische Architektur und mein Faible für skurrile Typen. Marion Poschmann beherrscht es, beides in Literatur umzusetzen.

Schauplatz des Romans ist ein morbides Barockschloss, irgendwo im Osten Deutschlands, das – nach wechselhafter Nutzungsgeschichte – schließlich als psychotherapeutische Klinik dient. In dieser Klinik versieht der zunehmend schrulliger werdende Arzt Altfried Janisch seinen Dienst. Er ist der Protagonist des Romans, ein leicht übergewichtiger Einzelgänger, aus dessen Perspektive der Text auch erzählt wird. Der überraschende Tod seines Freundes Odilo lässt Altfrieds halbwegs geordnete Welt in den Fugen ächzen. Odilo – ebenfalls Außenseiter und Sonderling – hatte sein Leben der Bioluminiszenzforschung verschrieben und war darüber schlaflos geworden. Nächte verbringt er mit der Beobachtung der Leuchtorgane von Tannenzapfenfischen. Außer ihrer eigenbrötlerischen Lebensweise teilen die beiden Freunde ein entlegenes Hobby: Sie jagen in der Eifel gemeinsam nach Erlkönigen.

Marion Poschmann verortet ihre Protagonisten sorgfältig. Dies gilt sowohl für die räumliche Einordnung (Odilos Elternhaus siedelt sie direkt gegenüber den Weck-Werken in Bonn an) als auch für die Ausfaltung des familiären Hintergrunds. Die Herkunft von Altfrieds Eltern und Großeltern präpariert sie Schicht für Schicht heraus.

Altfried Janichs Leben verläuft zunächst in geordneten Bahnen. Er wohnt in der psychiatrischen Klinik, in der er arbeitet, versorgt seine Patienten nach Kräften und akzeptiert die Autorität seiner Chefin. Er benutzt altertümliche Begriffe wie „Podex“ und wirkt überhaupt etwas aus der Zeit gefallen. All das wirkt allerdings angesichts seines Arbeitsplatzes und des bröckelnden Gebäudes um ihn herum nicht unstimmig. Altfried scheitert, wenn es darum geht Beruf von Privatheit zu trennen, seine privaten Wohnräume verschwimmen albtraumhaft mit den übrigen Zimmern des Schlosses. So kommt es vor, dass sich in der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Einrichtung „wie in einem Möbelkaufhaus, immer wieder einzelne, versprengte Besucher“ zu Altfried verirren.

Wenn Marion Poschmann die Erlkönigjagd beschreibt, werden die Jagdobjekte der sonderbar lebendig, als wären sie Tiere und keine bemäntelten Automobile: „Die ideale Witterung für Erlkönige, deren Aktivitäten zum Weihnachtstauwetter ihr Jahreshoch erreichen, da sie dann (…) besonders unauffällig bleiben (…).“ Die beiden Freunde entscheiden sich vordergründig für weidgerechte Kleidung: „Tarnkleidung je nach Wetterlage“, aber Altfried weiß: „auf die Kleidung kommt es nur nachrangig an. Die innere Haltung entscheidet. Selbstvernebelung, ein Zustand, in dem ich mir entgleite.“ Der Jäger passt sich dem Gejagten an, übernimmt seine nebelhafte Wesenlosigkeit. Zwei selbstvernebelte Typen, selbst abwesend und unsichtbar stöbern – meist erfolglos –nach motorisierten Phantomen.

Poschmann streut immer wieder Krankenberichte in den Roman ein. Eigentlich variieren diese immer wieder ein sehr ähnliches Motiv: Ein Mensch (wie Du und ich) nimmt ein paar Marotten an, funktioniert aber weiterhin. An irgendeinem schwer definierbaren Punkt wird sein Verhalten zuerst auffällig dann pathologisch. Und schließlich sitzt er Altfried Janich gegenüber. Die Romanhandlung greift dieses Muster auf: Altfried zeigt zunächst ein paar Marotten, wie man sie einem Psychiater gerne zugestehen mag. An irgendeinem – auch in der Romanhandlung schwer zu greifenden Punkt – werden zunächst seine Gedankengänge und schließlich auch sein Handeln „auffällig“. Man kann Parallelen zu den Fallbeispielen nicht ausschließen und fürchtet, dass Janich den Ausweg aus dem maroden Schloss so schnell nicht finden wird. Es wird für ihn (bereits in der Mitte des Buches) deutlich „dass ich aus diesem Schloss nicht mehr wegkommen kann.“

Es sind vor allem zwei Aspekte, die mich als Leserin überzeugen: Marion Poschmanns anschauliche und detailverliebte Sprache und – eng damit zusammenhängend – ihre Fähigkeit, Räume zu betrachten, zu analysieren und in Sprache zu verwandeln. Ihre Beschreibungen der unterschiedlichen Architekturen sind so präzise und akribisch, dass sie dem Leser ein plastisches Bild der visuellen Wirklichkeit vermitteln. Dies geschieht bis in die kleinsten Details, so dass aus an sich unbedeutenden Gegenständen und Fundstücken überraschend schillernde Stillleben entstehen: „Die Glühbirne leuchtet auf rotes Linoleum, darauf schwammen einige Brotkrümel, Teilchen von braunen Zwiebelschalen, die weißen leichten Hüllen von Knoblauchzehen, die jeder Lufthauch weiterbewegte, (…)“. Banale Dinge erhalten Gewicht, gewinnen an Lebendigkeit und lassen ahnen, dass es hinter den sanierungsbedürftigen Fassaden (des Schlosses und seiner Menschen) rumort.

Bei aller sprachlichen Raffinesse des Textes und aller Morbidität von Akteuren und Architekturen wohnt Poschmanns Text Humor inne, auch dann, wenn es an die großen Dinge geht: Dem harmlosen Nachtisch Götterspeise beispielsweise attestiert Poschmann „dieses Göttrige (…), die glibbrige Durchsichtigkeit, das formlos Ungreifbare“.


Beitragsbild: Suhrkamp-Verlag


Eine Leseprobe gibt es hier. Zur Verlagsseite geht es hier.

Details zum Buch:

Marion Poschmann: Die Sonnenposition.

Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013.

340 Seiten. 19,95 Euro. ISBN 978-3-518-42401-8.

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