Über Hilmar Klutes Hunde-Buch “Winston“.

Wie der Mann zum Hund kam.

winston

Eigentlich glaubte ich immer, dass man die Menschen sauber und ordentlich in zwei Sorten einsortieren kann: In diejenigen, die Hunde lieben, und in solche, die Hunde hassen. Hilmar Klute (Jahrgang 1967 und Redakteur der Süddeutschen Zeitung) zählt sich zu einer dritten Gruppe: Zu den Menschen, denen Hunde völlig gleichgültig sind. Diese Position der Gleichgültigkeit ermöglicht Klute eine distanzierte, sezierende Beobachtung von Hundebesitzern: Menschen, die gekleidet in irgendetwas zwischen Schlaf- und Straßenanzug, zu unmöglichen Zeiten (meist abends spät oder morgens früh) den unterschiedlichen Wettererscheinungen trotzen. Menschen die, den Hund an der Leine, dessen kleine und großen Verrichtungen beobachten und letztere nach kritischer Prüfung entfernen. Klute beobachtet und beschreibt die ganz normalen Momente im Leben des Hundehalters mit der neutralen Analysefähigkeit eines Ethnologen, der nicht am Amazonas unterwegs ist, sondern irgendwo im Münchner Süden.

Was passiert nun, wenn an einem kalten Winterabend ein ausgesetzter Hundewelpe die kultivierte Wohnung eines solch kultivierten Hundegleichgültigen betritt? Natürlich, man ist kein Unmensch. Das Tierchen darf über Nacht bleiben. Und weil das Tierheim belegt und der Welpe noch jung ist, behält man ihn, bis sich etwas Besseres für den Kleinen findet. Schritt für Schritt erobert der kleine Bullterrier namens Winston mit dem „Gurkengesicht“ die Wohnung des Ich-Erzählers Hilmar Klute. Winston geht seinem Zerstörungswerk nach. Er zerbeißt Stuhlbeine, sortiert den Müll um, zerfetzt Schuhe und ist nicht stubenrein. Das ganz normale Programm also.

Hilmar Klute beschreibt alles mit sehr viel Humor, was vor allem auch in der distanziert-neutralen Betrachtung des Zusammenlebens Mensch-Hund begründet liegt. Klute wagt es nicht so recht, sich zum Hundeliebhaber zu bekennen. Findet es befremdlich, in seinen Taschen zerbröselnde Hundebiskuits und Häufchen-Beutel mit sich zu führen. Er findet es verstörend, im Schlafanzug den nächtlichen Gassi-Gang des Welpen zu begleiten. Aber Winstons neues Herrchen tut dies Alles. Der Hund gehört dazu, darf mit in den Urlaub, wird mit sämtlichen Hunde-Must-Haves ausgerüstet, bekommt karierte Mäntelchen und albernes Spielzeug gekauft.

„Von einem Tag auf den anderen bin ich Teil dieser wahnsinnigen Welt geworden (…), in der die Grenzen zwischen Mensch und Tier in einer Weise verschwimmen, die daran zweifeln lässt, dass es überhaupt Unterschiede zwischen Tieren und Menschen gibt.“

Natürlich lernt der frischgebackene Hundebesitzer auch die Hundewiesen Münchens kennen. Die Gespräche, sie drehen sich wie auf allen Hundewiesen des Landes natürlich nicht nur um den Hund, sondern um das allgemein Menschliche, eröffnen dem Gassi-Neuling einen „ganzen Kosmos“.

Die Zuneigung zu Winston ist nicht ungetrübt: Er macht Probleme in der Hundetagesstätte und bringt den Hundetrainer zum Aufgeben der Erziehungsversuche. Er ist für seinen Herrn explizit „kein Therapeutikum (…). Er ist ein aggressives Nervengift.“ Klute bleibt bei aller Sympathie zu Winston aufrichtig, wenn es darum geht, die negativen Seiten des Hundebesitzerlebens zu benennen. Gleichzeitig wachsen die Gemeinsamkeiten mit dem Hund: Die gemeinsame Verachtung gegenüber Nordic Walkern beispielsweise schweißt Herr und Hund zu einem Team zusammen.

Mit dem autoritären Habitus von Hundebesitzern im Allgemeinen können weder Winston noch Klute etwas anfangen Die vielgelobten Treue des Hundes – als seine Kardinalstugend – ist Klute suspekt. Auch Thomas Manns Herrschaftsallüren gegenüber seinem Hund Bauschan, wie sie in seinem Idyll „Herr und Hund“ beschrieben sind, empfindet Klute als schwer erträglich. Auch hier würde Winston sicher zustimmen. Obwohl, manchmal träumt Klute schon davon, „nichts als ein richtig asozialer Hundebesitzer zu sein, der seine Töle herbeipfeift und nichts als Gehorsam und Unterwerfung erntet.“ Natürlich sind diese Allmachtsphantasien vom „Vollproleten“ in Trainingshose und Muskelshirt, der seinen Hund auf dem Hundeplatz abrichtet, nicht ernstgemeint. Aber eines ist ihm auch klar: „Der Hund wird sich unsere Schwäche und Gutmütigkeit immer zunutze machen und seine Interessen vertreten.“

Viele Hundebesitzer, die sich nicht zur autoritären Hundeplatzerziehung bekennen mögen, kennen dieses Dilemma: Von tiefsten Herzen der antiautoritären Erziehung zugeneigt, möchte man sich eigentlich nicht zum autoritären Rudelführer aufschwingen. Die unerwünschten Entwicklungen, die sich zeitgleich sich am anderen Ende der Leine manifestieren, möchte man aber auch nicht dulden. Und wer – Hand aufs Herz – hat in der einen oder anderen Situation noch nicht davon geträumt, dass der Hund aufs erste „Fingerschnippen“ reagiert?

Hilmar Klutes Buch ist lesenswert, weil er sich bei seiner Untersuchung der Beziehung zwischen Hund und Herrchen (oder Frauchen oder Vati oder Mutti) einmal abseits der ausgetretenen Pfade bewegt. Abseits von Ratgeberliteratur und sentimentalem Hundekitsch ist „Winston“ nicht nur ein Buch, dass man jedem Hundeneuling auf den Nachttisch legen sollte, sondern auch ein unterhaltsamer Sittenspiegel für altgediente Hundeleute.

Ein nettes Gimmick ist der Anhang. Hier finden sich nicht nur kulturhistorische Ausflüge zu prominenten Hunden und Herr(ch)en (man erfährt, dass Schopenhauer seinen Pudel Atmann liebevoll Butz nannte und Richard Wagner seinen Fips), sondern auch Literaturhinweise und ein praktischer, nicht ganz ernst gemeinter, Entschuldigungszettel. Um den Lesespaß perfekt zu machen, wurde das Buch von Dirk Schmidt liebevoll illustriert.


Urheberrecht Beitragsbild: Kunstmann-Verlag


Zum Buch:

Bibliografische Angabe:

Hilmar Klute: Winston oder: Der Hund, der mich fand.

Mit Illustrationen von Dirk Schmidt.

Verlag Antje Kunstmann, München 2008.

156 Seiten. 14,90 Euro. ISBN 978-3-88897-536-3

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