Menschen, Tiere und Erinnerungen
„You Can’t Judge a Book by its Cover,“
titelt ein alter Bluessong von Willie Dixon. Damit hat Dixon sicher recht. Aber manchmal lassen mich Cover zu Büchern greifen, die ich sonst nie und nimmer lesen würde. Jeff VanderMeers Roman „Borne“ ist so ein Fall. Der Grafiker Danijel Zezelj setzt einen leibhaftigen Bären vor farbigem Hintergrund so dramatisch in Szene, dass ich unwillkürlich Lesehunger verspüre. Dieser Bär muss unbedingt in auf „Hund im Buch“.
Mein Zugriff auf „Borne“ war dermaßen intuitiv, dass ich mich mit dem Klappentext nicht lange aufhielt. Hätte ich es getan, hätte ich erfahren, dass Jeff VanderMeer ein vielfach ausgezeichneter und renommierter Science-Fiction-Autor ist und die Handlung in der apokalyptischen Kulisse einer zerstörten Stadt der nahen Zukunft ansiedelt. Hätte ich den Klappentext also sorgfältig gelesen, hätte ich wohl um das Buch einen großen Bogen gemacht. Eine Fehlgriff also? Keineswegs.
„Borne“ ist der erste Science-Fiction meines langen Leselebens (wenn ich „1984“ einmal ausklammere). Ich werde also gar nicht erst versuchen, ihn im Kontext seines Genres einzuordnen, zu vergleichen und zu bewerten. Meine Lektüre ist nicht die, einer SF-Leserin. Ich habe „Borne“ mit meiner persönlichen Brille gelesen und auf das Verhältnis Mensch und Tier bzw Beinahe-Tier oder Fast-Mensch. Und siehe da: Der „Fehlgriff“ erwies sich als Glückfund.
Worum geht es eigentlich? In einer zerstörten Stadt der nahen Zukunft versuchen sich Rachel und Wick – mehr schlecht als recht – durchzuschlagen. Als moderne Jäger und Sammler suchen sie nach Biotech, das sie als Nahrung – oder auch als Rohstoff für Drogen – verwenden können. Der riesige Bär Mord terrorisiert die Stadt. Er und kleinere (geklonte) Mord-Proxys ziehen zerstörend, verwüstend und mordend durch die ohnehin zerstörte, verwüstete und nahezu ausgestorbene Stadt. Eines Tages findet Rachel auf ihrer Sammeltour ein Stück Biotech, das der Form einer Seeanemone ähnelt. Sie nimmt es mit nach Hause. Rachel nennt das Wesen, dem Wick von Beginn an misstrauisch gegenübersteht, Borne. Bornes Existenz changiert. Das was man zunächst für eine Pflanze hält, beginnt irgendwann sich zu bewegen. Ist Borne nicht doch eher ein Tier? Als Borne zu sprechen beginnt, rüttelt er an der Artenschranke Mensch-Tier. Für mich wird das Buch ab diesem Zeitpunkt zunehmend spannend. Was macht es aus, menschlich zu sein, was tierisch oder sollte man nicht besser sagen tierlich? Borne fragt immer wieder, ob er überhaupt eine „Person“ ist. Was macht eine Person aus? Wieviel Erinnerung braucht ein Mensch? Wie definiert sich der Mensch gegenüber dem Menschenähnlichen?
Mit Borne erfindet Jeff VanderMeer ein Wesen, das mir beim Lesen – trotz seiner surrealen Künstlichkeit – irgendwie ans Herz wächst. Rachel geht es mit Borne nicht anders. VanderMeer gestaltet die Beziehung Rachel-Born immer mehr als eine Mutter-Kind-Beziehung. Eine Mutter-Kind-Beziehung jedoch in dreifacher Lichtgeschwindigkeit. Kaum kann der Kleine laufen und sprechen, wird er schon flügge. Kaum ist er flügge wird er aufsässig und pubertär. Sehr früh gilt mein Interesse nicht mehr dem „bösen“ Bären Mord sondern Borne, der Titelfigur. Vorwitzig und neugierig erkundet er die erwachsene Menschenwelt, versucht sich zu orientieren und verliert auf seinem Weg von der Topfpflanze zum Kämpfer an Niedlichkeit. Ist er doch nicht so harmlos, wie Rachel und der Leser gerne glauben möchten?
Jeff VanderMeer schildert die Welt von Borne und Rachel sehr anschaulich. Bei aller Zerstörung und Verschmutzung, welche „die Firma“ mit ihrem Niedergang in der Stadt verursacht hat,
„die Stadt war zu einem gewaltigen Labor geworden“
zeichnet er diese Welt voller Scheußlichkeit und Grausamkeit mit großer sprachlicher Sicherheit. Er erzählt seine Geschichte aus der Sicht der Ich-Erzählerin Rachel. Mitten in all dem Chaos versuchen sie und Wick etwas Normalität zu leben. Immerhin: Ihr maroder Zufluchtsort „Balcony Cliffs“ liegt direkt am Fluss, der allerdings „ein Gebräu an Schwermetallen und Öl und Abfällen“ transportiert.
Das Geschehen reichert der Autor mit originellen Elementen futuristischer Biotechnologie an:
„Menschen, die die Gegenwart nicht ertrugen“ stecken sich Erinnerungskäfer ins Ohr „um die glücklicheren Erinnerungen anderer wachzurufen, aus lange vergangenen Zeiten und an Orte, die nicht mehr existieren“.
Ein verstörender Gedanke. Von ähnlich nostalgischem Futurismus sind die Leuchtkäfer, die in einer post-elektrischen Welt die Beleuchtung der zerstörten Wohnräume besorgen, und die Diagnosewürmer, die sich durch Wicks kranken Körper schlängeln.
Das Schicksal der untergegangenen Stadt und die Biografien Rachels und Wicks liegen im Dämmerlicht der Vergangenheit. VanderMeer rekonstruiert die Geschichte nicht, er gibt Andeutungen, einiges wird aufgeklärt: Ein Biotech-Unternehmen, das die Kontrolle über sein Product-Design verloren hat; Inseln, die das Meer verschluckt hat; Menschen die von irgendwoher irgendwohin flüchten müssen. Entwurzelung, Hoffnungslosigkeit, Endzeitstimmung. Alles wirkt umso beklemmender und monströser, als es in der nahen Zukunft angesiedelt ist. In den Ruinen der Stadt finden sich noch Reste bürgerlichen Wohlstands. Vieles aus der Vergangenheit bleibt jedoch im Dunkeln. Rachel kann sich zwar noch an teure Restaurants mit Silberbesteck und Fingerschalen aus Porzellan erinnern, aber nicht mehr daran, woher sie eigentlich kommt.
(Fehlende) Erinnerung ist für mich – neben des Tier-Mensch-Verhältnisses – einer der Hauptaspekte des Romans. Borne plündert die Erinnerungen von Menschen, verleibt sich ihr „Wissen von der Welt“ ein. Wird er damit menschlicher? Was bleibt, wenn Erinnerung fehlt, was geschieht, wenn man die Erinnerungen anderer erinnert? Wie real ist Erinnerung. Born kann Erinnerungen und Geschichten nicht unterscheiden. Vermischt Erlebtes, Erlesenes und Erhörtes. Rachel kann nicht aufhören, „von einer guten alten Zeit zu erzählen, die es nie gegeben hatte,“ und weiß doch nicht, wo ihre Wurzeln liegen.
„Borne“ ist kein dystopischer Umweltroman. Jeff VanderMeer erhebt keinen Zeigefinger. Dennoch hat man beim Lesen natürlich den Klimawandel genauso im Hinterkopf, wie die Gefahren, die in den geheimen Labors der Biotechnologie-Unternehmen lauern. Dem Pessimismus, die dieser Szenerie zu eigen ist, setzt er kaum etwas entgegen. Zumindest kein heiteres Vater-Mutter-Borne-Finale.
Mein ganz persönliches Fazit:
Die Geschichte um Borne, Mord, Erinnerungskäfer und Diagnosewürmer mag schräg und abgefahren und manchmal recht brutal sein. Ich habe jedoch bei meiner Lektüre das Allgemeingültige der Story gesucht und gefunden. Für mich, ist „Borne“ ein Buch über die quälende Suche nach Herkunft, Identität und letztlich über die Frage, was den Menschen eigentlich ausmacht.
Abbildung Cover: Rechte beim Verlag
Link zum Buch
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Jeff VanderMeer: Borne.
Roman.
Verlag Antje Kunstmann, 2017
ISBN: 978-3-95614-197-3
368 Seiten, 22 Euro