Über Grandpatte, die Erfindung der Spätlese und nervenstärkende Dinkelkekse
Seit 1988 habe ich eine Schwäche, die den wohlklingenden Namen „Grand bleu de Gascogne“ trägt. Ein großer Laufhund. Höher als 60 cm und schwerer als 30 Kilogramm. Ein echter Kerl auf vier Pfoten, „seine imponierende Erscheinung vermittelt den Eindruck kraftvoller Ruhe und hohen Adels.“ So beschreibt ihn kein Dichter, sondern die Rassestandards des FCI. Sein Fell ist „vollständig (schwarz-weiss) getüpfelt, was einen schieferblauen Schimmer verleiht“. Der Behang (wie Kynologen fachmännisch das Schlappohr des Hundes nennen) ist das charakteristische Merkmal des Bleu: es ist „dünn, gefaltet und läuft spitz aus; er muss über die Nasenspitze reichen können“, die Lefzen sind nach

Standard ziemlich herabhängend und den Unterkiefer bedeckend; sie verleihen dem vorderen Teil des Fanges ein quadratisches Profil“.
Genaugenommen schwärme ich nicht für den Bleu im Allgemeinen (die „Bleus“ sind passionierte Jäger und Meutehunde und für den Hausgebrauch sicher nur bedingt geeignet), sondern für Grandpatte. Ein Prachtstück seiner Rasse und Protagonist in der herrlichen Comicreihe über Karl, den Spätlesereiter. Ersonnen haben sich der Maler Michael Apitz und der Autor Eberhard Kunkel diese Serie 1988. Inzwischen sind 12 Bände erschienen.
Ich denke nicht, dass ich übertreibe, wenn ich Grandpatte, den Bonvivant auf vier riesigen Schlenkerpfoten, in einer Reihe sehe mit Idefix, Pluto, und Struppi (der im französischen Original mehr oder minder auf den Namen Milou hört). Grandpatte ist in Personalunion Gourmet, Westentaschenphilosoph, Weinkenner und – nicht zuletzt – ein wahrer Herzensbrecher. Mit seinem charmanten französischen Accent kommentiert er launig das Geschehen und lässt sich kaum aus der Ruhe bringen, wenn die Verpflegung nur stimmt.
Die Karl-Serie ist ein Genuss für jeden Hundefreund und verdient sich somit einen Ehrenplatz in meinem Hunde-Literatur-Blog. Darüber hinaus ist Grandpatte (und sein sympathischer Besitzer Karl) wichtige Botschafter für die Schönheiten und Besonderheiten des Rheingaus. Was mich als Lokalpatriotin natürlich besonders freut.
So eine Blogtour durch Deutschland sollte natürlich auch einige Aspekte der Bildungsreise abdecken. Nun gibt es über den Rheingau, seinen Wein, seine Land

schaft, seine Burgen, Schlösser und Weinorte so viel Vorschwärmenswertes zu berichten, dass ich damit gar nicht erst beginne. Das sollte jeder vor Ort selbst erkunden. Für kulinarische und kunsthistorische Tipps stehe ich gerne persönlich zur Verfügung (versprochen!).
Aber etwas Bildungsinput muss ich unbedingt noch etwas mit ins Gepäck geben: Der Spätlesereiter ist nämlich keine Erfindung von Apitz/Kunkel sondern Held einer lokalen Sage:
Die Geschichte des Spätlesereiters geht zurück ins 18. Jahrhundert. Das Weingut von Schloss Johannisberg gehörte zum – weit entfernten – Hochstift Fulda. Der Fuldaer Fürstabt war aber derjenige, der den jährlichen Startschuss zur Weinlese geben musste.
Wie jedes Jahr schickten auch 1775 die Mönche von Johannisberg Jahr einen Boten nach Fulda, der die Erlaubnis zum Lesebeginn einholen sollte. Der Bote kehrte jedoch nicht zurück, die Mönche durften mit der Lese nicht beginnen.
Die frommen Brüder mussten mit ansehen, wie die Trauben von der Fäulnis befallen wurden, verschrumpelten und eintrockneten. Mit mehrwöchiger Verspätung traf schließlich der Bote ein. Die Mönche gaben ihr Bestes: sie ernteten die Trauben und kelterten sie, obwohl sie kaum einen trinkbaren Wein erwarteten. Ein riesiger Irrtum: Der Wein schmeckte vorzüglich. Durch Zufall hatte man die Edelfäule entdeckt und die Spätlese „erfunden“.

Soweit zum Wein. Eine Probe Rheingauer Wein kann ich zur Verkostung im Blog leider nicht offerieren (dazu muss man schon hierherkommen). Dafür versuche ich meine Leserinnen und Leser (und ihre Hunde) mit einer anderen lokalen Spezialität zu verwöhnen: Mit „Nervenkeksen“, wie sie der Heiligen Hildegard von Bingen zugeschrieben werden.
Ich habe mich dazu entschieden, das Grundrezept der Heiligen Hildegard für Mensch und Hund gemeinsam zu verwenden. Für die Vierbeiner verzichte ich auf die Zugabe der empfohlenen Gewürze, des Zuckers, der Zitrone und des Backpulvers, diese Zutaten könnten nämlich für Hunde gesundheitsschädlich sein. Zur Entschädigung gebe ich anstelle anstelle dessen eine Banane bei, die sind meinen Recherchen und eigenen Erfahrungen nach sogar gesund für Fellnasen.
Rezept:
2 TL Ceylon-Zimt
1 Msp Muskatpulver
1 Msp. Nelkenpulver;
1 Msp Galgant (In der Hundeversion anstelle der Gewürze eine zerdrückte Banane)
300 g Dinkelmehl,
1 TL Backpulver (für die Hundevariante das Backpulver weglassen)
150 g Butter,
2 Eiern,
150 g Rohrzucker (bei den Hundekeksen auf Zucker verzichten)
geriebene Zitronenschale einer halben unbehandelten Bio-Zitrone (auf die Zitrone sollte im Hundekeks ebenfalls verzichtet werden).
Alle Zutaten zu einem Teig vermischen. In mehrere Rollen formen und in Folie eingerollt im Kühlschrank ca. 2 Stunden fest werden lassen.
Die Rollen in Scheiben von 0,5 cm Dicke schneiden (Hunde eher 1 cm), auf ein Backblech legen.
Bei 200 °C ca. 10–15 Min. backen, bis die Kekse leicht gebräunt sind. (Die Hundekekse bleiben im Ofen, bis sie gut fest sind.)
Die heilige Hildegard schrieb über die Nervenkekse: „Iss sie oft, und alle Bitternis deines Herzens und deiner Gedanken weiten sich, dein Denken wird froh, deine Sinne werden rein, alle schadhaften Säfte in dir minderer, es gibt guten Saft in deinem Blut und macht dich stark.“
Übrigens:
Ich gebe das Rezept nur in der Form wieder, wie ich es – wohlbehalten – ausprobiert habe und übernehme keine Haftung für etwaige gesundheitliche Folgen. Man sollte die gewürzten Plätzchen in Maßen genießen (ob sie für Kinder geeignet sind, weiß ich nicht, ich würde den Versuch nicht machen). Die Nervenkekse der heilkundigen Klosterfrau sind eher Heilmittel denn Naschwerk. Auch hier gilt: In der Dosis liegt das Gift. Vor allem die Muskatnuss (im Rezept waren 2 TL angegeben) ist wohl nicht ohne. Die Nonnen im Kloster Eibingen (oberhalb von Rüdesheim) backen die Dinkel-Nervenkekse übrigens noch heute und – ACHTUNG WERBEBLOCK – verkaufen sie in Bio-Qualität in ihrem Klosterladen.
Wer auf ganz auf Nummer sicher gehen möchte, esse die Hundeversion, sehe sich aber vor, was das Gebiss anbelangt.
Abbildungen: Pixabay, Wikipedia, Cover
Abbildung Cover: Rechte beim Verlag
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Eberhard Kunkel, Patrick Kunkel, Michael Apitz:
Karl Gesamtausgabe: Band 1 bis 3
Finix Comics e.V., 2017 und 2018
ca 160 Seiten, 29,80 (pro Einzelband)
ISBN: 978-3945270530; 978-3945270547; 978-3945270554