Über Jonathan Safran Foers Roman „Hier bin ich“.

„Mit Liebe stirbt man auch“

Wieder einmal war es der Klappentext, der mir auf ein neues Buch Appetit machte: Eine Geschichte um eine Familie und ihrem inkontinenten Hund. Nun mache ich um Familien- und Ehegeschichten meist einen weiten Bogen. Bei „Hier bin ich“ mache ich jedoch eine Ausnahme. Geschrieben hat den Roman nämlich Jonathon Safran Foer, der 2010 mit „Tiere essen“ ein leidenschaftliches und aufrüttelndes Buch über Fleischkonsum verfasst hat.

„Hier bin ich“ ist der dritte Roman des US-amerikanischen Schriftstellers  Foer und – wie zu erwarten – kein heiter-romantischer Familienkitsch. Angesiedelt im jüdisch-intellektuellen Milieu von Washington D.C. lebt Familie Bloch. Sie steckt in der Krise: Die Bar Mitzwa Sams, des ältesten Sohnes, soll mit der Familie aus Israel groß gefeiert werden, da keimt in Julia der Verdacht auf, dass ihr Mann Jacob ein Verhältnis haben könnte. Die Ehe kriselt, der pubertierende Sohn macht es den Eltern auch nicht gerade einfach, und dann steht auch noch der Verwandtenbesuch ins Haus. Und zwischendrin ist da immer wieder Argus, der alte Familienhund, der überall in die Wohnung machte.

Als ob dies alles nicht schlimm genug wäre, splittert das Weltgeschehen in das Familienchaos hinein:  Im Nahen Osten gibt es ein Erdbeben, was die Invasion Israels zur Folge hat. Eine der Konsequenzen ist, dass die Familie ihren Aufenthalt bei den Blochs verlängern muss. Anlass für Jacob, über Familie, jüdischen Glauben, den Heimatbegriff und Israel nachzudenken.

Jonathan Safran Foer breitet auf fast 700 Seiten eine Handlungsspanne von vier Wochen aus und verschafft uns einen minutiösen und detaillierten Einblick in das Leben der Blochs. Foer schildert die Streitereien, die ausgesprochenen und nichtausgesprochenen Gedanken seiner Protagonisten offen und schonungslos. Beim Lesen kommen die Ehekrise und die Gedanken des pubertären Sams so nah, als wäre man Zeuge einer echten Krise einer echten Familie. Beim Lesen mischt sich bei mir voyeuristische Neugierde mit dem Bedürfnis nach Distanz und dem Wunsch, das alles nicht so prall und drastisch mitzuerleben. Ich spüre ein Gefühl des Fremdschämens. Als erlebe man eine Ehekatastrophe im Nachbarhaus.

Aber wie es so ist, da meine Schaulust einmal entfacht ist, kann ich den Roman nicht aus der Hand legen und auch nichts überblättern.

Die Personen in „Hier bin ich“ sind präsent und physisch greifbar. Typen mit viel Fleisch und Blut (und anderen Körperflüssigkeiten). Foer charakterisiert seine Personen meisterhaft. Mit wenigen kurzen Sätzen skizziert er ganze Lebensgeschichten.

Isaac Bloch, der Großvater Jacobs hatte in einer Wohnung gelebt „in der Bücher bis zur Decke reichten und die Teppiche so dick waren, dass Würfel darin verschwanden.“ Aber das war vor dem Holocaust; bevor „deutsche Fachgärtner“ Isaacs Stammbaum „bis auf den Boden Galiziens gekappt hatten“

Jacob, ist Schriftsteller. Der einzige Mensch, der „so laszive Texte schreiben und zugleich ein so langweiliges Leben führen kann“, wirft Julia ihm an den Kopf, als sie Jacobs monatelangen SMS-Kontakt mit einer Kollegin entdeckt. Jacobs langweiliges Leben kommt immer mehr ins Wanken. Immer mehr wird er zum Suchenden, Heimatlosen, Ratlosen.

Foers Sprache ist anschaulich und bildhaft, die Dialoge so kunstvoll wie lebensecht. Das Buch ist humorvoll, bissig, im Grundton jedoch tief melancholisch.

„Ohne Liebe stirbt man. Mit Liebe stirbt man auch. Nicht jeder Tod ist gleich.“ Man ahnt, dass hier kein Happy-End auf uns wartet.

Und am Ende steht der Abgesang auf Argus und vielleicht so etwas die Rückkehr Jacobs. Tieftraurig und hoffnungsvoll. Es verhält sich wie in Homers Odyssee:

„Argus stirbt erfüllt. Sein Herrchen ist endlich heimgekehrt.“

Was für ein Schluss.


Abbildung Cover: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

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Jonathan Safran Foer: Hier bin ich

Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

ISBN: 978-3-462-04877-3

688 Seiten, 26 Euro