Lina Wollfs Roman „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“.

 Mit Bret Easton Ellis in die Hundeschule

Manchmal können Buchtitel in die Irre leiten. Lina Wolffs Debütroman „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“ ist ein solcher Fall. Ein Buch, in dem laut Klappentext, „die Hunde der Prostituierten nach männlichen Schriftstellern benannt sind“, darf in einem Hunde-Literatur-Blog natürlich nicht fehlen. Ich bin Titel und Klappentext auf dem Leim gegangen. Zum Glück! Denn obwohl Bret Easton Ellis und die anderen Hunde in der Handlung eher marginal bleiben, ist Lina Wolffs Buch für mich ein echter Glücksfund. Auch (fast) ohne Hund.

Araceli, Schülerin an einer Schule für Übersetzer und Dolmetscher in Barcelona, erzählt davon, wie sich ihr Leben immer mehr mit dem der Schriftstellerin Alba Cambó verwindet. Als Alba die neue Nachbarin von Araceli und ihre Mutter wird, beobachten die beiden Frauen sie interessiert. Spüren dem Leben und Gewohnheiten der exzentrischen Schriftstellerin nach; lesen ihre Veröffentlichungen und belauschen ihre Gespräche.

Es dauert nicht lange, bis die Rollen sich ändern. Alba Cambó drängt sich sukzessive in Aracelis Leben. Sie quartiert ihre Haushaltshilfe Blosom in Aracelis Zimmer ein. Blosom übernimmt immer mehr das Regiment im Haushalt von Araceli und ihrer Mutter und Alba schaltet sich immer wieder in Aracelis Leben ein.

Die Ich-Erzählerin Araceli erzählt frech, provozierend und spannend. Sie hat einen sezierenden Blick auf ihre Umwelt und spricht mit scharfer Zunge über die Welt der Erwachsenen. Männer kommen in der Welt von Araceli nicht gut weg. In der Wohnung ihrer Mutter sind sie nicht viel mehr als Accessoires, die immer mal wieder ausgetauscht werden. An Valentino, dem Freund Albas, lässt sie kaum ein gutes Haar.

Es bleibt in Lisas Wolffs Roman jedoch nicht beim banalem Männer-Bashing. Dazu ist Araceli viel zu reflektiert, humorvoll und selbstkritisch. Sie stimmt zu, wenn Valentino sagt, die Übersetzer-Schule sei ein

„Sammelbecken für Mädchen, die zum Modeln zu hässlich und für eine Ingenieurskarriere zu dumm waren.“ 

Realistisch und fatalistisch, wie sie ist, sieht Araceli ihre Zukunft als „mittelmäßige Dolmetscherin“ voraus:

Auf Gewerkschaftskonferenzen, „wo Delegierte bei Laune gehalten werden mussten, was am besten mit einer freundlichen und in jeder Hinsicht zu vorkommenden Dolmetscherin, viel Essen und Alkohol“ klappen müsste. Sie erwartet ein „mittelmäßiges Leben, in dem man sich mit möglichst langen Ehen über Wasser halten“ würde.

Wenn Araceli spricht, ist der Sound frisch und manchmal provokant. Die junge Frau erzählt ungekünstelt und authentisch. Man hört ihr gerne zu. Dass die Autorin Lina Wolff (Jahrgang 1973) noch andere Tonarten beherrscht, beweist sie in den eingestreuten Textpassagen Alba Cambós. Hier zeigt die Autorin ein hohes stilistisches Niveau und bedient sich einer bildreichen und kreativen Sprache. Bleibt dabei jedoch so ungekünstelt und authentisch wie ihre Protagonistin.

Lina Wolff schrieb an „Bret Easton Ellis und die anderen Hunde“ in Madrid und Valencia. Das Buch lässt einen beim Lesen tief in die Atmosphäre Barcelonas und Kataloniens eintauchen. Der Roman, der in der deutschen Übersetzung von Stefan Pluschkat vorliegt, verrät an keiner Stelle, dass er eigentlich aus einem anderen Sprachraum stammt (Wolff verfasste das Buch in schwedischer Sprache).

Und was hat es nun mit den Hunden auf sich? Nun, manchmal streut Wolff Bemerkungen über Hunde ein. Über Hunde, die nur die „konditionierte Liebe“ kennen, zum Beispiel. Hunde kommen bei Wolff allerdings -wie auch die Männer- nicht allzu gut weg. Die Prostituierten eines Hotels nennen ihre Hunde (allesamt Rüden) tatsächlich nach männlichen Schriftstellern. Weshalb?

„Wenn uns ein Kunde schlecht behandelt, geben wir den Hunden verdorbenes Fleisch zu fressen,“ erläutert eine Prostituierte.

„Passive Aggression“ nennt dies eine Feministin. Sie hatte den Prostituierten diese Namensgebung empfohlen. Dante, Chaucer und eben auch Bret Easton Ellis wurden so Namenspaten für die Bordellhunde. Bret hatte Glück im Unglück: Er verlässt das Hotel mit einem Freier und führt fortan ein bürgerliches Leben mit Hundeschule und Wettbewerben. So kann es gehen.


Abbildung Cover: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

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 Lina Wolff: Bret Easton Ellis und die anderen Hunde

Roman

Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat

Hoffmann und Campe, Hamburg 2017

ISBN: 978-3-455- 00107-5

302 Seiten, 22 Euro