Über Lisa Signoriles Bericht aus dem Sexualleben der Tiere „So macht es das Krokodil“.

 Was Sie immer schon über Sex wissen wollten.

Ich gebe es ja zu, der Titel von Lisa Signoriles Buch kommt – schon in der italienischen Originalausgabe „Il Cocodrillo Come Fa“ – ein wenig reißerisch daher. Aber die Biologin und Populationsgenetikerin Signorile verspricht nicht zu viel. Tatsächlich bietet sie -bei aller Wissenschaftlichkeit – einen kompakten, spannenden und manchmal auch humorvollen Einblick in das Liebesleben der Tiere.

Signorile zeigt, wie die Weitergabe der eigenen Gene durch die Fortpflanzung das Leitprinzip aller Lebewesen ist. Sie schildert, wie sich Fortpflanzungsmechanismen im Lauf der Evolution verfeinert haben und greift zur Illustration dieser Entwicklung in Sachen Liebe die skurrilsten Formen der geschlechtlichen (und ungeschlechtlichen) Fortpflanzung heraus.

Im Schwerpunkt lenkt die Autorin ihr Augenmerk weniger auf die Säugetiere sondern widmet sich vor allem denjenigen Geschöpfen, deren Sexualleben (zumindest im Bewusstsein des Nichtbiologen) eher im Dunklen liegt. So erfährt man einiges über das Liebesleben von Fischen, Lurchen und Molchen. Signoreli handelt sowohl die Balz ab, wie auch den Geschlechtsakt und die Brutpflege.

Wir lesen von Befruchtungs-Gruppensex bei Neunaugen, wochenlangen Begattungsritualen bei Schildkröten und Doppelpenisse von Haien. Ich erfahre ,dass unter den sympathischen Delphinen Halbwüchsigen-Gangs leben, die nicht davor zurückschrecken, Weibchen zu entführen und zu bedrängen. Außerdem bleiben mir die Erektionskünste von Krokodilen nicht länger verborgen:

Das Begattungsorgan des männlichen Krokodils ist nämlich „ständig erigiert. Das ist keine große Kunst, wenn man bedenkt, wie klein das Ding im Verhältnis zu restlichen Körper ist: Sieben bis neun Zentimeter bei einem Tier von drei bis vier Metern Länge.“

Es hat mir gut gefallen, dass in „So macht es das Krokodil“ die skurrilen Kuriositäten in einen gut strukturierten Zusammenhang eingeordnet werden. Egal, wie abwegig die Beispiele erscheinen, die Lisa Signorile auswählt, immer geht es ihr darum, anschaulich zu machen, wie sich im Laufe der Evolution mittels „trial and error“ eine ganze Bandbreite probater Fortpflanzungsmechanismen entwickelt hat.

Wohltuend an diesem Ausflug in das tierliche Sexualleben ist, dass die Autorin immer wieder darauf hinweist, welche Alternativen das Tierreich zum standardisierten heterosexuellen Modell entwickelt hat. Vieles was unsere menschliche Ethik über Jahrhunderte als „widernatürlich“ abgelehnt hat (und teilweise heute noch ablehnt) ist eben gerade nicht „widernatürlich“, sondern findet auch unter Tieren statt. Das Tierreich kennt die gesamte Bandbreite: Selbstbefriedigung bei Delphinen, Pferden und Schildkröten.  Homosexualität, lesbische Albatrosse und schwule Pinguinpaare, die ein Ei „adoptieren“. Und wenn wir schon beim Thema sind? Wieviele Geschlechter gibt es überhaupt? Und ist das Geschlecht unveränderlich?

Signorile schreibt spannend und auch für den Laien gut lesbar. Ohne die beschriebenen Tiere unangemessen zu vermenschlichen, lässt sie immer wieder auf humorvolle Weise die vermeintlich so strenge Grenze zwischen Menschen und anderen Säugetieren verschwimmen. So gibt sie zur Dauer Brutpflege von Vögeln und Säugetieren, ein Zeitfenster von wenigen Wochen bis zu 40 Jahren an.

„In letzterem Fall ruft das Muttertier der betreffenden Art jeden Abend bei dem Embryo an, um zu erfahren, ob er gegessen hat, und um ihn zu ermahnen, sich bei Kälte warm anzuziehen.“ 

Da sage noch mal jemand, dass Wissenschaftler weltfremd sind.

 Bei aller Lebendigkeit und Anschaulichkeit bleibt Lisa Signorile stets ihrem wissenschaftlichen Anspruch verpflichtet. Sie liefert eine Auswahlbibliographie und untermauert ihren Text -angenehm sparsam dosiert- mit Anmerkungen


Abbildung Cover: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

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 Lisa Signorile: So macht es das Krokodil. Das Sexualleben der Tiere

Aus dem Italienischen von Franziska Kristen

Mit Illustrationen von Cristiana Santini

btb-Verlag / Random House, München 2017

ISBN: 978-3-442- 71421-6

224 Seiten, 9 Euro