Über Adrian McKintys Kriminalroman „Rain Dogs“.

Locked room mystery?

Eins vorneweg: Trotz seines Titels hat Adrian McKintys Kriminalroman „Rain Dogs“ nichts mit Hunden, jedoch einiges mit einsamen Wölfen zu tun.

„Rain Dogs“. Das sind „…Prostituierte, Menschen in Not, diese düstere Menagerie, die ich erschaffe, um mich zu motivieren“. So erklärt Tom Waits in einem Interview die Namensgebung seines Albums „Rain Dogs“.

In seinem Kriminalroman greift Adrian McKinty den Titel „Rain Dogs“ auf. Die Handlung versetzt er in die Entstehungszeit von Song und Platte: Ins Jahr 1987. Mitten hinein ins Nordirland zur Zeit der troubles, die das Land von 1969 bis 1998 erschütterten.

Die junge Londoner Journalistin Lily Bigelow wird früh am Morgen im Innenhof einer Burg tot aufgefunden. Zunächst sprich vieles für einen Selbstmord. Die Journalistin war anscheinend allein auf dem Burggelände, niemand konnte die Burg unbemerkt betreten oder unbeobachtet verlassen haben. Der Fall scheint klar zu sein. Aber nicht für Sean Duffy. Aus seiner Sicht spricht einiges für Mord. Damit wäre der Fall Bigelow das zweite locked-room mystery seiner Karriere. Den ersten Fall hatte er nicht lösen können. Umso fester verbeißt er sich in die Aufklärung des Mordes an der jungen und attraktiven Journalistin.

Was ist das für eine Story, hinter der Lily Bigelow her war und die sie offenkundig das Leben kostete? Gegen Widerstände und auf eigene Faust setzt sich Sean Duffy auf die Fährte der investigativen Journalistin. Die Spuren führen ihn bis nach Finnland und immer tiefer in einen Sumpf aus Korruption und Amtsmissbrauch.

„Rain Dogs“ ist Adrian McKintys fünfter Kriminalroman um Inspector Sean Duffy. Vieles spricht dafür, Sean Duffy in die Subgenre-Schublade des hardboiled detective einzuordnen. Sean Duffy ist ein mutiger Anti-Held und alles andere als ein Ehrgeizling. Er versieht seinen Dienst als einfacher Polizist, ohne jegliche Ambition, die nächsthöheren Sprossen der Karriereleiter zu erklimmen. Er säuft, kifft und seine Freundin ist ihm gerade davongelaufen. Auf den ersten Blick entspricht er dem Bild des gescheiterten, einsamen Bullen, einem etwas abgegriffenen Archtetyp des englischsprachigen Kriminalromans. McKintys Protagonist nimmt selbst Bezug auf dieses Stereotyp des hardboiled detectives. Sean Duffy kennt Typen wie sich aus literaturtheoretischen Aufsätzen. Aufsätze, wie seine Exfreundin Beth sie liest.

„Der drogenabhängige Polizist, der Ärger mit der Freundin hat. Das reinste Klischee“, wie Sean Duffy über sich selbst sagt.

Sean Duffy – katholischer Polizist in Belfast – ist eben kein schlichter, rülpsender, pöbelnder Schimanski-Typ. Er ist Musik-Kenner und Whisky-Connaisseur und ringt darum, die Beziehung zu seiner Freundin wieder zu kitten. Duffy kennt sich aus, mit den großen literarischen Vorbildern, mit den brillanten Detektiven der Literaturgeschichte; Hercule Poirot, Dr Gideon Fell, Maigret, Miss Marple. Duffy selbst sieht sich jedoch nicht als einer dieser brillanten Köpfe, er verortet sich bescheiden im Mittelmaß „ich entsprach dem statistischen Mittel, war der schwerfällige, durchschnittliche Detective“.

Genauso wenig wie Duffy den gängigen Klischees entspricht, ist auch „Rain Dogs“ kein simpler, auf schnelle Schusswechsel reduzierter whodunit. Anders, als beim hardboiled Genre zu erwarten, ist der Krimi weder actiongeladen noch bluttriefend. Dafür ist er spannend, packend und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf. Adrian McKinty gelingt ein gekonntes Zusammenspiel von literarischer Kunstfertigkeit und Spannung. Die Authentizität des Raubeins Duffy kommt durch dessen eigene Rekurse auf literarische Personen immer wieder leicht ins Wanken, was mein Lesevergnügen enorm befördert hat.

McKinty lässt seinen Protagonisten Duffy – als Ich-Erzähler – den Fall aus dessen eigener, ganz persönlicher Sicht schildern. Er versieht seinen Helden mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstironie. Immer wieder wendet sich Sean Duffy direkt an den Leser. Man schaut ihm beim Formulieren über die Schulter („Streichen Sie das!“) und erhält das zweifelhafte Angebot, „für einen Zehner Zutritt zum Leichenschauhaus“ verschafft zu bekommen.

Adrian McKinty schafft es vorzüglich, die trübe Atmosphäre zu vermitteln, in die er den gesamten Roman getunkt hat. Oft genügen dafür ein paar Pinselstriche:

„Wahnsinn, Regen, Irland – passt alles zusammen.“ Manchmal liest es sich fast heimelig: „Guinness. Zigaretten. Kollegen. Norden und Süden.“


Abbildung Cover: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

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Adrian McKinty: Rain Dogs.

Thriller.

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Suhrkamp Verlag, Berlin, 17

404 Seiten, 14,95 Euro.

ISBN 978-3-518-46747-3

Veröffentlicht in: Krimi

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