Über Barbara Natterson-Horowitz‘ und Kathryn Bowers‘ Buch: „Wir sind Tier.“

„Was wir von den Tieren für unsere Gesundheit lernen können“.

natterson

Dafür, dass die Grenzen zwischen Mensch und Tier nicht so starr sind, wie wir glauben, spricht einiges. Kann man die Gemeinsamkeiten von Mensch und Tier auch auf die Medizin anwenden? Die beiden amerikanischen Autorinnen Barbara Natterson-Horowitz (Professorin für Kardiologie) und Kathryn Bowers (Wissenschaftsjournalistin) glauben dies nicht nur, sondern liefern in ihrem Buch „Wir sind Tier“ einige überzeugende Argumente für diesen Ansatz.

Nun fällt einem beim Thema Tier und Humanmedizin zuerst das Thema Tierversuche ein. Schulmedizin und Pharma-Industrie verleugnen Parallelen zwischen Mensch und Tier ja nicht generell; sonst würde man ja nicht mit unsäglichen Versuchen an Ratten, Mäusen und anderen Tieren mit Medikamenten und Kosmetika herumprobieren. Auch die sogenannte Grundlagenforschung „doktert“ am Tier herum und erhofft sich aus den Ergebnissen Erkenntnisse über den Menschen.

Bei den beiden Autorinnen Natterson-Horowitz und Bowers geht es jedoch nicht um Tierversuche, sondern um genaue, artenübergreifende Beobachtungen. Alles beginnt mit einem Kaiserschnurrbart-Tamarin, einem winzigen Krallenäffchen: Der kleine Primat lebt im Zoo von Los Angeles, in dem die Kardiologin und Psychiaterin Natterson-Horowitz als medizinische Beraterin tätig ist. Zum ersten Mal hört sie dort den Begriff „Fangmyopathie“, eine Stressreaktion von Tieren, die von einem Raubtier gepackt werden. Die Fangmyopathie kann tödlich enden, eine in der Tiermedizin seit Jahrzehnten bekannte Erscheinung. Natterson sieht Parallelen zu einer damals gerade entdeckten „neuen“ Symptomatik in der Humanmedizin. Die „Takotsubo-Kardiomyopathie“:

„Heftige, mit Seelenqualen verbundene Emotionen können lebensbedrohliche Veränderungen am Herzen hervorrufen.“

Natterson kommt zu einem Fazit, das ihre eigene Zunft nicht gut dastehen lässt und bringt es auf den Punkt:

„Humanmediziner, die sich Anfang der 2000er Jahre mit einer Entdeckung brüsteten, sich an dem exotischen Namen ergötzten und auf einer Erkenntnis, die jedem Veterinärmediziner, seit dem ersten Studienjahr vertraut ist, akademische Karrieren aufbauten.“

Nattersons Interesse war geweckt, gemeinsam mit Kathryn Bowers begann sie Antworten auf eine „simple Frage“ zu suchen und zu finden: „Bekommen Tiere die Krankheit XY?“

Die Ergebnisse dieser jahrelangen Recherche in artenübergreifender zoologischer und veterinärmedizinischer Fachliteratur und zahlreicher Gespräche mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen führt die beiden zu zahlreichen verblüffenden Ergebnissen, die sie in ihrem Buch auf 380 Seiten detailliert ausführen und mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat belegen.

Vorwürfe, tierisches Verhalten zu „vermenschlichen“ parieren die Autorinnen plausibel und knapp:

„Das Problem ist weniger, dass wir zu viel in die anderen Tiere hineininterpretieren, eher unterschätzen wir, wie viel Tier in uns steckt.“

Neben den naheliegenden organischen Erkrankungen wie Herztod, Krebs und Infektionen verblüffen die Autorinnen auch mit Erscheinungen wie Ohnmacht und Fettleibigkeit und finden sogar für psychische Erkrankungen wie Selbstverletzung und Essstörungen Beispiele aus dem Tierreich.

Es ist hier nicht der Platz, die vielen Erkenntnisse zusammenzustellen, die die Autorinnen aus der Fülle der Studien herausgefiltert haben. Da ich diese Rezension jedoch für einen Hundeblog verfasse, möchte ich gerne ein Hunde-Beispiel herausgreifen. Es findet sich im Kapitel „Die Suche nach dem Kick“ und geht um tierisches Suchtverhalten; konkret um den Fall der Cocker-Spaniel-Hündin Lady, die eine verstörende Sucht auslebte. Lady war ein ganz normaler Familienhund „bis zu dem Tag, an dem sie das halluzinogene Gift aus den Hautdrüsen der Aga-Kröte gekostet hatte“. Lady entwickelte ein handfestes Suchtverhalten, wich nicht von der Terrassentür und tat alles, um zu den Kröten im Gartenteich zu kommen. Das mag nach absurder Komik klingen, ist aber nicht mehr und nicht weniger, als ein Beweis (von vielen), dass wir auf vermeintlich rein menschliche Erkrankungen keineswegs ein Abonnement haben.

Honoriert wurde das „Wir sind Tier“-Buch-Projekt der beiden Autorinnen von der Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“. Sie kürten „wir sind Tier“ zum originellsten Buch des Jahres 2015. Das Buch ist nämlich nicht nur in seiner inhaltlichen Brisanz originell, sondern auch packend und gut lesbar. Trotz seiner wissenschaftlichen Fundierung ist es keineswegs trocken und spröde. Im Gegenteil: Die Autorinnen schreiben humorvoll und sehr lebendig, wozu auch der Kunstgriff beiträgt, dass das komplette Buch aus der Ich-Perspektive Barbara Natterson-Horowitz‘ verfasst ist. Einer renommierten Wissenschaftlerin wie Natterson wird sicher auch die Wiedergabe eines alten Kalauers von ihren Fach-Kollegen verziehen:

„Was ist ein Humanmediziner? Ein Tiermediziner, der nur eine Spezies behandeln kann.“

Im Kontext des Themas ist dieser alte Veterinär-Witz sicher nicht deplatziert.

Sehr angenehm fällt die deutsche Übersetzung von Susanne Warmuth auf, die sprachlich gut gelungen ist und den Lesefluss an keiner Stelle durch mögliche Übersetzungsprobleme unterbricht.

Im Amerikanischen nennen die Autorinnen Buch und Forschungsprojekt „Zoobiquity“, eine Verbindung aus (zoon Lebewesen) und ubique (überall). Für Interessierte gibt es weitere Informationen auf der Internetseite http://www.zoobiquity.com/ .


Beitragsbild: Rechte beim Knaus-Verlag


Zum Buch:

Barbara Natterson-Horowitz und Kathryn Bower: Wir sind Tier. Was wir von den Tieren für unsere Gesundheit lernen können.

Aus dem Amerikanischen von Susanne Warmuth.

Mit einem Vorwort von Josef H. Reichholf.

Knaus-Verlag, München 2014.

448 Seiten. 22,99 Euro.

ISBN: 978-3-8135-0554-2

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