Über Maria Heiners Monografie zu Lea Grundig

Wer hat den bösen Wolf gezeichnet? Märchenillustrationen und Kunst für die Menschen.

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In ihrem Buch „Lea Grundig. Kunst für die Menschen“ erinnert sich Maria Heiner an die Künstlerin, Grafikerin und Illustratorin Lea Grundig (1906-1977). Die Autorin Maria Heiner (Jahrgang 1937) war mit der Künstlerin befreundet, kuratierte deren Ausstellungen, arbeitet am Werkverzeichnis und baute eine Sammlung von Arbeiten Lea Grundigs sowie ihres Mannes Hans auf – und hält die Erinnerung an Biografie und Schaffen der Grundigs wach.

So wundert es nicht, dass Heiners Monografie nicht nur Ausdruck von Expertise ist, sondern auch eine – persönliche – Hommage an die Künstlerin und Freundin. Das kleine Buch ist mit seinen 128 Seiten zwar eine Miniatur (erschienen in der Reihe Jüdische Miniaturen), ermöglicht jedoch – vor allem auch aufgrund der zahlreichen (auch farbigen) Abbildungen – trotz aller Kürze einen guten Einstieg in Werk und Leben Lea Grundigs.

Aus wohlhabendem jüdisch-orthodoxem Elternhaus stammend, fand Lea Grundig über den jüdischen Jugendbund „Blau-Weiß“ den Weg zu Selbstbefreiung und Loslösung aus diesem konservativem Umfeld. Sie wollte Malerin werden, setzte es durch, an der Dresdner Kunstakademie studieren zu dürfen, lernte dort ihren zukünftigen Mann Hans Grundig kennen und trat 1926 in die kommunistische Partei ein.

Die beiden Künstler leben in den 20er Jahren in ärmlichen Verhältnissen, es entstehen Arbeiten, die das prekäre Leben ihrer Nachbarn ungeschönt abbilden. Lea Grundig zeichnet düstere Bilder und fertig erste Radierungen an. Während der Weltwirtschaftskrise entsteht ihr Zyklus „Frauenleben“, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten unter anderen 1934/35 die Bilderfolge „Unter dem Hakenkreuz“. Nach mehreren Verhaftungen durch das NS-Regime gelingt Lea Grundig schließlich die zermürbende Emigration nach Palästina. Hans Grundig wird 1940 in das Konzentrationslager Sachsenhausen gesperrt.

In Palästina arbeitete Lea Grundig vor allem als Illustratorin. Da viele jüdische Kinder, die mit ihren Eltern aus Nazi-Deutschland nach Palästina flüchteten, dort die hebräische Sprache lernen mussten, entstand ein großer Bedarf an Kinderbüchern. Lea Grundig widmete sich mit großem Engagement der Aufgabe, solche Kinderbücher zu illustrieren. Es entstanden Klassiker der israelischen Kinderbuchliteratur.

Darüber hinaus arbeitete sie an Werkzyklen, die die Shoah sowie die Gefahren und Strapazen ihrer Flucht zum Inhalt hatten. In der Emigration zeichnete sich außerdem auch Landschaftszeichnungen und immer wieder Selbstbildnisse. Lea Grundig kehrte 1949 nach Dresden zurück. Hans Grundig hatte das Konzentrationslager zwar überlebt, starb aber bereits 1958 an den Folgen seiner Haft. Lea Grundigs künstlerisches Schaffen wurde seitens des DDR-Regimes nicht goutiert. Ihre düsteren Bilder zur Shoah entsprachen nicht mehr den „derzeitigen sich vollziehenden gesellschaftlichen Entwicklung in der DDR“ (so Ministerpräsident Grotewohl im Jahr 1950). Man diffamierte die Arbeiten Grundigs als „Kult des Hässlichen“. Lea Grundig engagierte sich in der Folge kunstpolitisch, initiierte von 1965 bis 1990 das Ausstellungsprojekt „Intergrafik“.

Große Bekanntheit errang die Künstlerin in der DDR wiederum als Illustratorin: 1950 erhielt sie den Auftrag, die Grimmschen Märchen zu illustrieren. In den 50er Jahren entstanden so fast 400 Zeichnungen für die dreibändige Märchenausgabe. Diese farbenfrohen Märchenillustrationen bestechen durch ihre detailfreudige und liebevolle Präzision. Der Erfolg dieser Zeichnungen in Grundigs meisterhaftem und kindgerechten Stil lässt nicht auf sich warten: Immer wieder werden Folgeausgaben aufgelegt. Lea Grundigs Märchenillustrationen, so Maria Heiner, sind für viele Menschen noch heute liebgewordene „alte Bekannte aus ihrer Kindheit“.

Maria Heiner verfasst ihre Miniatur in großer Zuneigung zu der Künstlerin und persönlichen Freundin Lea Grundig. Obgleich hier keine kunstwissenschaftlich angelegte Publikation vorgelegt wird, ergänzt Heiner ihre reich illustrierte Biografie mit einem umfangreichen Anmerkungsteil, der auch auf Lea Grundigs Autobiografie „Gesichte und Geschichte“ hinweist. Lea Grundigs Autobiografie erschien zwischen 1958 und 1984 in 10 Auflagen im Dietz Verlag. Die Lektüre von Maria Heiners Miniatur macht neugierig auf Künstlerin, Werk und Leben – und auf die Autobiografie „Gesichte und Geschichte“.


Bibliografische Angaben:

Maria Heiner
Lea Grundig.Kunst für die Menschen
Vorwort: Esther Zimmering
Hentrich & Hentrich, 2016.
128 Seiten, 12,90 Euro
ISBN: 978-3-95565-150-3

Erstveröffentlichung dieses Beitrags auf fixpoetry, 2016.


Beitragsbild: Dieses Bild ist wahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. Es wird als Bildzitat gemäß § 51 UrhG (deutsches Urheberrechtsgesetz) ausschließlich zur inhaltlichen Erläuterung genutzt.

 

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