Über ‚Liebes Rehherz‘. Katia Manns Briefe an Thomas Mann 1920-1950.

Mielein schreibt Herrn Reh.

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Bildnachweis: Keystone / Thomas-Mann-Archiv Zürich Zur ausschließlichen Verwendung in der Online-Ausstellung „Künste im Exil“ (www.kuenste-im-exil.de). Originaldateiname: 253217.JPG Eindeutiger Identifier: VA_KIE_TMAZ_003.jpg

„Liebes Rehherz“, so beginnt Katia Mann im Mai 1920 ihren Brief aus Kohlgrub an Thomas Mann. Diese liebevolle Anrede zieht sich – in einigen Variationen – durch die 58 Briefe aus den Jahren 1920 bis 1950, die in einer erweiterten Neuausgabe von Inge Jens und Dirk Heißerer vorliegen. Im Thomas-Mann-Archiv Zürich tauchten im Jahr 2014 16 bislang unbekannte Briefe Katia Manns an ihren Ehemann auf. Ein guter Grund, die inzwischen vergriffene Edition von 41 Briefen zu ergänzen, die Inge Jens bereits 2008 besorgt hatte.

Katia Manns Briefe ermöglichen einen authentischen Blick in den Mannschen Haushalt in der Poschinger Straße in München. Der anspruchsvolle und störungsempfindliche Dichter, drei Töchter und drei Söhne, Hunde, Katzen und Hauspersonal: All dies bestimmt den Alltag von Katia Mann. Wenn Katia während ihrer Kuraufenthalte im bayerischen Heilklima (Kohlgrub, Oberammergau, Oberstdorf) und in den mondänen Schweizer Kurorten Clavadel bei Davos sowie Arosa an ihren Mann schreibt, dreht es sich häufig um Haushaltsangelegenheiten, Personalsorgen und Kinderkrankheiten.

Die Manns leben in den 1920er-Jahren (bevor die Buddenbrooks 1929 mit dem Nobelpreis auch eine stattliche Summe Geld einbringen) finanziell durchaus nicht auf großem Fuß. In einem Brief aus dem Jahr 1920 ist von der Notwendigkeit die Rede, Diamanten verkaufen zu müssen. Katia wacht akribisch darüber, dass ihre Aufenthalte im Gebirge die Haushaltskasse nicht zu sehr belasten, und berichtet glücklich, dass ihr im Sanatorium Clavadel „a discrètion“ wunderbare Butter vorgesetzt werde, von der sie „unanständige Mengen“ esse.

Die zärtliche Anrede des Gatten (Reh, Rehherz, Lamm und Lämmlein) korrespondiert mit einer Vielfalt an Kose- und Spitznamen, welche den hermetisch-intimen Sprachcode der Familie bilden. Bibi, Mädi, Aissi, Gölchen und Eri (für die Kinder Michael, Elisabeth, Golo und Erika), Ofay und Offi (für die Großeltern Pringsheim), Poschi und Arcissi (für die Villa der Manns und das Pringsheim-Palais): Die niedlichen Namen suggerieren ein familiäres Idyll, dass aber stets auch brüchig scheint. Thomas Mann empfindet kaum etwas Gutes für seinen jüngsten Sohn Michael. Katia schreibt 1920: „Ich will Dir auch noch ein feines Söhnchen schenken, weil ich doch mit dem Bibi Deinen Geschmack so gar nicht getroffen habe“. Bibi ist zu diesem Zeitpunkt gerade einmal ein Jahr alt. Mit Ausnahme Elisabeths entsprechen die schulischen Leistungen der Kinder nur selten den Erwartungen von Schule und Elternhaus. Sie müssen auf private Schulen wechseln, werden in Internaten untergebracht.

Auf ihre Aufgabe als Vorsteherin des Haushalts in den Mann’schen Villen lässt sich Katia Mann aber nicht beschränken. Ihre Position und ihre Bedeutung in Leben und Werk Thomas Manns sind vielschichtig und facettenreich. Bei der Lektüre ihrer Briefe wird dies deutlich: Sie organisiert seine zahlreichen Lesereisen und führt die Korrespondenz mit den Verlegern.

Katia Mann ist jedoch auch weit mehr als Thomas Manns Sekretärin und Managerin. Immer wieder spielt sie auf Passagen aus dem Zauberberg an, vergleicht Personen, die sie während ihrer Sanatoriums-Aufenthalte trifft, mit den Romanfiguren. Das Zauberberg-Personal erscheint lebendig, die realen Bekanntschaften wirken romanhaft. Die enge Verschränkung von Katias Kuren mit den Beschreibungen in Thomas Manns Sanatoriums-Roman kommt nicht von ungefähr: Thomas Mann lässt sich zum Zauberberg-Projekt nicht nur anlässlich seiner Besuche in Davos, wo Katia 1912 eine Tuberkuloseerkrankung kuriert, inspirieren, sondern vor allem durch Katias Beschreibungen in ihren Briefen aus dieser Zeit. Thomas Mann leugnet nie, dass er Katias Milieuskizzen in seinen Roman einfließen lässt.

Leider sind jene „Zauberberg-Briefe“ jedoch verschollen (vermutlich sind sie im Haus des Mann’schen Rechtsanwalts Heins verbrannt). Katias Schilderungen in den nun veröffentlichten Briefen aus den 1920er-Jahren (die den Großteil der Edition ausmachen) lassen jedoch erahnen, wie anschaulich (und verlockend für Thomas Mann) ihre Davoser „Zauberberg-Briefe“ gewesen sein mögen.

Die Schreiben Katia Manns zeugen von einer großen Anerkennung der Leistungen ihres Mannes. 1920, zu seinem 45. Geburtstag, wünscht Katia Mann „daß Du noch viel Meisterhaftes schaffst und immer höher steigst, im Ruhme, auf dessen Höhe Du freilich jetzt schon stehst.“ Diese Form verklärender Hochachtung geht einher mit der Koseform „Liebster Reh“, und ergibt einer vielsagenden Melange von ehelichem Gefühl Ausdruck.

Bei aller Bewunderung und Innigkeit hegt Katia Mann jedoch auch Zweifel und stellt im Oktober 1926 fest, „daß ich mein Leben nicht ganz richtig eingestellt habe und daß es nicht gut war, es so ausschließlich auf Dich und die Kinder zu stellen.“.

Die Aufenthalte im Gebirge sind Auszeiten von der Familie, sie bieten Gelegenheit nachzudenken und Zeit für eigene Projekte. So arbeitet Katia Mann in den 1920er-Jahren an der Übersetzung von William Makepeace Thackerays Roman Vanity Fair. Ihre Übersetzung des 1000-Seiten-Romans erscheint 1950 im Leipziger Paul List Verlag.

Wo es ihr angemessen erscheint, geizt Katia gegenüber Thomas Manns Egozentrik nicht mit kritischen Worten. So wirft sie ihm vor, dass er „überhaupt nie auf irgend etwas, was ich schreibe“ antwortet. Thomas Manns Briefe vermitteln ihr den Eindruck, dass seine „Gedanken (…) sich nicht eben viel mit mir und meiner augenblicklichen Daseinsform beschäftigten“.

Dass Thomas und Katia Mann seit den 1930er-Jahren nur selten getrennt voneinander sind, bleibt naturgemäß nicht unwirksam auf die Briefproduktion: Aus der Zeit der Emigration und aus den Nachkriegsjahren bis zu Thomas Manns Tod 1955 ist kaum eine Handvoll Briefe erhalten. Ehestreitigkeiten im Hause Elisabeth Mann-Borgeses machen 1950 eine Reise Katia Manns nach Chicago erforderlich von dort aus schreibt sie ihren 57. und damit letzten Brief. Er endet sehnsuchtsvoll: „Herrieh, Herr Reh, warum hab ich Dir verlassen. Auf sehr bald! Seid allesamt geherzt vom armen Mielein“

Die Briefedition von Inge Jens und Dirk Heißerer wird durch einen ausführlich recherchierten Anhang ergänzt. Hier spüren die Herausgeber den in den Briefen erwähnten Ereignissen nach, gleichen sie mit Eintragungen in Thomas Manns Tagebüchern und Briefen ab und ermöglichen so eine hervorragende Verständlichkeit der Briefe.

Abgerundet wird das Editionsprojekt mit einem Exkurs zur Anrede „Lieber Reh“: Thomas Mann hatte seiner Frau zu ihrem Geburtstag eine kleine Rehplastik geschenkt, die – vermutlich – Katia Mann den Anlass für Wahl des Kosenamens gab. Aber, wie vieles in der Thomas-Mann-Forschung, ist auch dieses Detail (trotz mehrerer Untersuchungen) nicht abschließend geklärt.

Erstveröffentlichung des Beitrags 2016 auf literaturkritik.de.

Katia Mann: ‚Liebes Rehherz‘. Briefe an Thomas Mann 1920-1950.
Erweiterte Neuausgabe. Herausgegeben und kommentiert von Inge Jens und Dirk Heißerer.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2016.
232 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783826059896


Foto: Thomas und Katia Mann mit Hund Boris im Garten über dem Zürichsee, Kilchberg 1955. © Keystone / Thomas-Mann-Archiv Zürich. Dieses Bild ist wahrscheinlich urheberrechtlich geschützt. Es wird als Bildzitat gemäß § 51 UrhG (deutsches Urheberrechtsgesetz) ausschließlich zur inhaltlichen Erläuterung genutzt.