Zu Barbara Beuys‘ Biografie „Maria Sibylla Merian“.

Falterfrau, Abenteurerin und Geschäftsfrau.

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Das Jahr 2017 gibt gleich zweimal Anlass, der Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian zu gedenken: Vor 370 Jahren, am 2. April 1647 geboren, jährte sich am 17. Januar ihr Todestag zum 300. Mal. Die Historikerin Barbara Beuys widmet sich dieser ungewöhnlichen Frau des 17. Jahrhunderts mit einer neuen Biografie. Beuys knüpft damit an Kurt Wettengls Merian-Buch von 2013 und an Helmut Kaisers Biografie aus dem Jahr 1997 an, entwirft jedoch einen neuen Blick auf die Person Maria Sibylla Merian.

Mithilfe einer Fülle von Dokumenten unternimmt die Autorin eine Rekonstruktion von Merians Leben: zunächst widmet sie sich ihrer Kindheit in Frankfurt am Main. Sibyllas erste Lebensjahre spielten sich in einer Patchwork-Familie ab, wie sie im 17. Jahrhundert häufig vorkam: Die hohe Sterblichkeit sorgte dafür, dass immer wieder verwitwete Elternteile und verwaiste Kinder neu zusammengewürfelt wurden – mit all den Unstimmigkeiten und Streitereien, die dies mit sich brachte. Sibyllas Mutter war die zweite Ehefrau des berühmten Kupferstechers Matthäus Merian. Nach dessen Tod heiratete sie den seinerseits verwitweten Maler Jacob Marrel. Barbara Beuys versucht in ihrer Biografie, die Kindheit und Jugend in diesen Künstlerhaushalten lebendig werden zu lassen. Da, wo keine gesicherte Quellenlage einen festen Boden bietet, spekuliert Beuys über Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Wie war das Verhältnis zum Stiefbruder Matthäus Merian dem Älteren? In welcher Form können wir uns die Ausbildung des Mädchens Maria Sibylla zur Malerin vorstellen? Beuys arbeitet so sorgfältig, wie man es von einem Mitglied der Historikerzunft erwarten kann. Nichts stellt sie als Faktum dar, was sich nicht nachweisen lässt. Dem Leser bleibt so Raum für eine eigene Einordnung der historischen Gegebenheiten.

Neben dem Blick auf das biografische Detail vergisst die Autorin auch die Einordnung in das große Ganze nicht. So korrigiert sie unser Geschichtsbild, das – vor allem hinsichtlich der Rolle der Frau – im 19. Jahrhundert geprägt wurde. Einer Zeit, in der man sich für eine Bürgertochter keine andere Tätigkeit vorstellen konnte, als die der berufslosen Hausfrau und Mutter. Beuys widerlegt dieses Rollenklischee für das ausgehende Mittelalter bis in die Zeit des 17. Jahrhunderts in einem allgemeinen Exkurs über die relative rechtliche und geschäftliche Eigenständigkeit der mittelalterlichen und vormodernen (Bürger-)Frau. Maria Sibylla Merians Ausbildung zur Malerin und Kupferstecherin war nach Beuys „zwar ein Auslaufmodell für Frauen, aber noch keine Ausnahme.“

Eine Ausnahmeerscheinung stellt Maria Sibylla Merian jedoch in mancherlei anderer Hinsicht dar: Sie beschäftigte sich mit naturwissenschaftlicher Akribie und Begeisterung mit der Metamorphose der Schmetterlinge („Sommervögelein“) und Nachtfalter. Sie sammelte Raupen, fütterte sie mit ihrem jeweils artspezifischen Pflanzen, wartete die Verpuppung ab und erlebte dann – jedes Mal mit Begeisterung – ihre Verwandlung zu schillernden Tag- und geheimnisvollen Nachtfaltern. All dies dokumentierte sie schriftlich und zeichnerisch (einschließlich ihrer Forschungen zu den jeweiligen spezifischen Mikrobedingungen). Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit publizierte sie in ihren „Raupenbüchern“, die sie sowohl koloriert als auch – für den preisbewussten Kunden – in Schwarz-Weiß verlegte und verkaufte. Neben der Vermarktung ihrer naturwissenschaftlichen Forschung verkaufte sie Malerbedarf und Muscheln, publizierte Vorlagebücher und unterrichtete Frauen im Zeichnen und Malen.

Über Merians Ehe ist wenig bekannt. Das wenige, was man darüber weiß, versucht Beuys zu einem greifbaren Bild zusammenzusetzen. Dass die Ehe scheiterte, ist bekannt, nicht aber die konkreten Gründe dafür: Kam ihr Ehemann, der Maler Johann Andreas Graff (den sie bereits als Lehrling in der Werkstatt ihres Stiefvaters kennengelernt hatte) nicht mit dem Erfolg seiner Ehefrau zurecht? Lässt sich der Zwist auf religiöse Gründe zurückführen? Fest steht, dass Merian sich mit den Töchtern nach Wieuwerd im holländischen Friesland in eine christliche Labadisten-Kommune zurückzog, wohin ihr Graff nicht folgen durfte. Beuys zeichnet sorgfältig die historischen Fakten rund um Jean de Labadie, den Begründer dieser Gruppierung, nach und lässt den Alltag in Wieuwerd anhand zahlreicher Geschichtsquellen lebendig werden.

Die Autorin versucht außerdem die Reise zu rekonstruieren, die Merian mit 52 Jahren – für die Verhältnisse des 17. Jahrhunderts ein hohes Alter – mit ihrer jüngsten Tochter (ohne männliche Begleitung) nach Surinam unternahm, um sich dort eingehend mit den tropischen Arten zu befassen. Von Amsterdam nach Texel von dort auf ein Handelsschiff mit Zwischenstopp auf den Kanaren, Madeira oder den Kapverdischen Inseln. Genaues weiß man auch hierüber nicht. Aus den wenigen Fakten, meteorologischen Aufzeichnungen und Notizen Maria Sibylla Merians gelingt Beuys jedoch auch in diesem Teil des Buches, ein plastisches Bild des Tropenabenteuers mit all seinen Erschwernissen, Mühen und Gefahren zu entwerfen.

Das Konzept von Barbara Beuys Merian-Projekt besteht in der gekonnten Einordnung von historischen Quellen und autobiografischen Texten und Briefen in einen allgemeinen historischen Kontext. Immer da, wo Aufzeichnungen fehlen, füllt die Autorin diese Leerstellen mit Vermutungen, historischen Wahrscheinlichkeiten und einer mutigen Prise Intuition und Lebenserfahrung. Das Konzept geht auf: Es gelingt ein äußerst vitales Lebensbild einer mutigen, unsentimentalen und vielschichtigen Künstlerin, Geschäftsfrau und Naturforscherin.

Erstveröffentlichung dieser Rezension auf Literaturkritik.de  im Februar 2017.

Leseprobe


Beitragsbild: Insel-Verlag


Zum Buch:

Bibliografische Angaben:

Barbara Beuys: Maria Sibylla Merian. Künstlerin, Forscherin, Geschäftsfrau.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2016.
285 Seiten, 18,95 EUR.
ISBN-13: 9783458361800

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