Über Jürgen von der Lippes Geschichten und Glossen

Zoten und Zoologie.

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Gehört Jürgen von der Lippes Kurzprosa in einen Buchblog? Wie landet ein militanter Anti-Veganer ausgerechnet in einem kynologischen Blog, der sich der Achtung und Wertschätzung aller Tiere verschrieben hat? Nun: Hunde sind Karnivoren und von der Lippe bekanntlich auch. Von der Lippe schreckt auch vor Bifi, der Wurst die ein „bisschen fies schmeckt“ nicht zurück. Wenn man seinen Texten Glauben schenken darf, höhlt er sie aus und süffelt sein Bier durch diesen fleischigen Strohhalm.

Aber von der Lippes kulinarische Extravaganzen und seine Vorliebe für gekochtes und gebratenes totes Tier sind nicht Grund für meine Lektüre und diese Rezension. Nein, ich bin bekennender Fan seiner Fernseh- und Live-Auftritte. Ich schätze seine erfrischende Unkorrektheit, seine Besserwisserei en gros und en detail. Er ist ein Meister der Pointe und des Timings. Vor dem Fernseher verzeihe ich gerne seine groben Schoten und auch die Schenkelklopfer. Weil sie gut erzählt sind. Ich lache über Vegetarier- und Nichtraucher-Witze. Weil man über sich selbst am besten lacht.

Als Elke Heidenreich seinen Humor mit „5000 Jahre Herrenwitz im Bierzelt“ abtat, dachte ich: Ja sie hat recht. Lustig sind seine Witze aber trotzdem. Vor allem die Schlüpfrigen. Ja, zugegeben: Manches ist frauenfeindlich. Alice Schwarzer als Identifikationsfigur der deutschen Frauenbewegung für Männer über 60 bekommt auch in den vorliegenden Texten einmal mehr ihr Fett ab. Aber von der Lippe ist auch Meister der Selbstironie. Seine Witze gehen auch auf Kosten seiner eigenen Person und die seiner Geschlechtsgenossen. In dieser Hinsicht besteht durchaus eine Pattsituation. Mit der Tendenz, dass Männer fast immer schlecht wegkommen und Frauen nur meistens.

Was bietet von der Lippe nun an Zoologischem oder gar Kynologischem? Nun, einiges zum Thema Hundekacke und wie man sie in einem Nachbarstreit so kreativ wie zielführend einsetzen kann und welche Namensgebung für einen Mischlingsrüden  zur Kontaktanbahnung zweckmäßig ist. Von der Lippe schlägt „Giselher“ vor. In der Tradition Äsops fasst von der Lippe die Titelgeschichte Der König der Tiere: Eine Fabel um die Königswahl im Urwald, die witzig zu lesen und sogar politisch so aktuell ist.

Spaßig ist auch die Hintergrundstory, die von der Lippe bezüglich einer traulichen Fotografie der Windsors (Kate und Prinz William samt kleinem Prinz George und dem Familienhund Lupo) vorschlägt (in Beim Dehnen singe ich Balladen). Weiterhin sinniert der Autor über tierische Balz und menschliches Sexualverhalten, Jägerlatein und der Frage, ob Tiere Humor haben.

Von der Lippe ist – so fasse ich es zusammen – ein hervorragender Entertainer. Einer, bei dem kein Auge trockenbleibt (er selbst würde dies deftiger ausdrücken). Einer der changiert zwischen derbem Stammtischkumpel und altsprachlich firmem Universalgenie. Sprachkünstler, Storyteller, Gesellschaftskritiker.

Trotz all dieser Vorschusslorbeeren ist die Lektüre von mehr als 400 Seiten von der Lippe (wenn ich Beim Dehnen singe ich Balladen und Der König der Tiere zusammennehme) ein hartes Brot. Klar, die Geschichten sind witzig. Von der Lippe kann auch schreiben und einen Plot setzen. Aber 2 mal gut 200Seiten sind einfach zuviel. Schert man die Geschichten und Glossen über einen Kamm (was man aus meiner Sicht ohne schlechtes Gewissen tun kann), ist die thematische Bandbreite äußerst schmal: Es geht vornehmlich um Sex (hier mit einem Schwerpunkt auf Potenzproblemen und anderen Hemmnissen), häufig ums „Kacken“ (ich mag nicht drum herumreden) und immer wieder um allbekannte Beziehungskisten. Vielleicht hat Heidenreich doch recht. Der Gedanke kommt mir beim Lesen nicht nur einmal. Ein gestandener Mann (Lippe ist Jahrgang 1948) kreiselt in präpubertärer Fixiertheit um das männliche Geschlechtsteil und seine Einsatzmöglichkeiten und hat die anale Phase – um, wie der Autor es gerne tut, auf Freud zurück zu greifen – anscheinend nicht völlig überwunden.

Natürlich darf man sich nicht wundern. Diese Themenwahl dürfte einem aus von der Lippes Auftrtitten hinlänglich bekannt sein. Aber Schwarz auf Weiß gedruckt und in zwei Bänden fühlt sich das Ganze anders an. Vielleicht, um milde zu sein, wäre die Lektüre unterhaltsamer, wenn man sie über eine längere Zeitstrecke hin ausdehnte. So als Gute-Nacht-Geschichte. Oder als Lesung im Freundeskreis. Beim Grillen oder beim Kaffeekränzchen. Mag sein. Ich glaube jedoch, dass diese Texte für den professionellen Vortrag gedacht sind. Meinetwegen auch dafür, dass der Großmeister von der Lippe sie höchst-selbst vorliest. Das tut er auf seinen Lesereisen und auf Hörbüchern. Ich kann mir vorstellen, dass er die Lacher auf seiner Seite hat. Selbst und still gelesen fehlt den Geschichten die spezifische Diktion Jürgen von der Lippes und vor allem: Sein Timing. Seine Fähigkeit, Pointen heraus zu zögern. Immer dann, wenn man glaubt, das war´s noch einen drauf zu setzen. Dann – und nur dann – verzeihe ich gern die thematische Einfältigkeit.

Was bleibt haften nach 400 Seiten? Der verstörende Gedanke daran, Bier durch einen Bifi-Strohhalm zu trinken.


Abbildungen: Copyright der Buch-Cover bei den Verlagen.


Jürgen von der Lippe: Der König der Tiere. Geschichten und Glossen. Mit einer eingeschmuggelten Geschichte von Torsten Sträter.

Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München 2017.

222 Seiten, 16,99 Euro. ISBN 978-3-328-10036-2


Jürgen von der Lippe: Beim Dehnen singe ich Balladen. Geschichten und Glossen.

Penguin Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München 2017.

223 Seiten, 9 Euro. ISBN 978-3-328-10036-2

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