Über Emma Braslavskys Roman „Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen“.

Paradise found? Über die Suche nach der besten aller Welten. (In den Nebenrollen zwei geklonte Labrador-Retriever).

Emma Braslavsky entwirft in ihrem dritten Roman Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen einen Blick auf Geschehnisse in einer Welt, irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft. Die zeitliche Einordnung erfolgt nur indirekt: Italien wird von einem „greisen und schwer erkrankten“ Premierminister namens Luigi Berlusconi regiert. Im Atlantik wird eine bis dahin unbekannte Insel entdeckt. Diese neue Insel löst international Begehrlichkeiten aus. Eine einzigartige Flora und Fauna, dazu Gasvorkommen, seltene Erden, Edelmetalle und Diamanten – die Insel wird zum Objekt der Begierde für Staaten, NGOs, militante Christen und dubiose Bewegungen wie „Le Paradies“. Die politischen und sonstigen Entwicklungen um die neue Insel dokumentiert Braslavsky mittels der Nachrichten-Plattform n-global mit angeschlossenem Blog, die sie immer wieder in die Romanhandlung zwischenschaltet. Während Marineflotten vor der Insel in Stellung gehen, verläuft die Handlung in verschiedenen Erzählsträngen. Braslavsky gestaltet eine Collage von Geschehnissen, deren Zusammenhang sich erst in der Gesamtsicht vollständig erschließt.

Gegen Ende verflechten sich die Erzählfäden immer dichter miteinander, es entsteht – für den Leser erst im Rückspiegel vollständig wahrnehmbar – ein kunstvolles Gewebe. Man erkennt, wie besonnen Details und Andeutungen von Anfang an gesetzt wurden, um dann in den Schlusskapiteln ihre Wirkung zu entfalten. Das Buch liest sich trotz dieser auf ein Schlusstableau zielenden Struktur keinesfalls konstruiert, sondern lebendig – und bei aller teleologischen Schlusswirkung authentisch. Braslavsky reiht in die sich verschärfenden internationalen Konflikte um die neue Insel (von bedauerlichen Schusswechseln bis hin zu ernsten Zwischenfällen) Nachrichten von unerhörter wie komischer Banalität. Beispielsweise erfahren wir etwas über das komplexe Nominierungs- und Auswahlverfahren zur Ernennung des „Weltkuchens“. Man ahnt es: Auch bei diesem Auswahlverfahren geht es nicht anders zu als bei dem der FIFA.

In ihren vielfältigen Erzählsträngen ruft Braslavsky eine Fülle von Haupt- und Nebenfiguren auf den Plan. So viele Personen, dass der Leser den Überblick verlieren könnte, hätte die Autorin nicht mit einer Figurenübersicht zu Beginn des Romans vorgesorgt.

Die männliche Hauptfigur ist Jivan, ein erfolgreicher Bunkerarchitekt, ein hipper Berliner Typ, der seinen Namen „mit fauchendem Ch am Anfang“ ausspricht (eingedenk seiner argentinischen Wurzeln). Seine Ehe mit Jo plätschert vor sich hin, ihre „Vagina“ ist „vermintes Sperrgebiet“ für ihn. Immerhin unterstützt er – als Zweckveganer – ihre Ambitionen als „Bessere-Welt-Aktivistin“. Während Jivans Geschäfte immer schlechter laufen, macht Jo in der Better-World-Szene Karriere. Von der PR-Chefin bei Animal Rights zur Deutschlandchefin von BetterPlanet. Um sein Geschäft zu retten, ist Jivan jedoch dringend auf das Erbe seines argentinischen Vaters angewiesen. Dieses ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Jivan muss selbst Vater werden. Äußerst schwierig, so wie es zwischen den Eheleuten steht.

Die Passagen mit Jivans und Jos Geschichte werden von einer Erzählerstimme berichtet, in die immer wieder Jivans – meist herrlich wenig politisch korrekten – Gedanken hineinplatzen. Der Protagonist straft den Erzähler Lügen: Ein originelle und handwerklich gut gemachte Erzählmethode Emma Braslavskys.

Roana ist die zweite Hauptperson. Ihr Vater schickt die 19-Jährige nach dem Abitur auf den höchsten aktiven Vulkan der Erde, den Ojos del Salado. Roana erzählt ihre Geschichte voller kruder Abenteuer und merkwürdiger Erlebnisse aus der Ich-Perspektive einem fiktiven Zuhörer. Ihre Erlebnisse sind in ihrer Häufung so unglaublich, dass sie haarscharf an der Grenze dessen entlangschaben, was eine aristotelische Poetik vielleicht gerade noch als das Mögliche und Vorstellbare akzeptiert hätte. Man nimmt es Roana aber ab, dass sie es ohne Geld von Chile nach Buenos Aires schafft, dort von einer Weltverbesserer-Bewegung in das Zentrum für Kabbalastudien und weiter in eine Aktivistengruppe von Kunstpelz-Gorillas gerät. Als sei dies alles nicht genug, zieht sie bei einem Wissenschaftlerehepaar ein, geht nach einer künstlichen Befruchtung mit einem Newman schwanger, wird schiffbrüchig und findet sich schließlich am Strand wieder, „im ganzen Stück und allein“. Roanas Sprache ist authentisch, so sehr, dass weder ihr fiktiver Zuhörer noch der Leser sich den Schilderungen dieser unerschrockenen 19-Jährigen entziehen können.

Eingeflochten in die Geschichten der beiden Hauptfiguren ist ein Tagebuch: Das von Noah Hoffmann, der sein Paradies zwar nicht auf einer Insel, jedoch in einer abgelegenen Festlandbucht gefunden zu haben glaubt. Ergänzt wird Noahs Tagebuch von Dialogen zwischen ihm und seiner Freundin Jule. Hier wird unmissverständlich klar, dass es zu zweit im Paradies nicht zwingend paradiesisch zugehen muss. Der alltägliche Beziehungskleinkrieg wird auch dort weitergeführt und in dieser Robinsonade keineswegs zimperlich ausgefochten.

Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen ist ein Roman über die Sehnsucht des Menschen nach dem Paradies und über das Totalversagen der Menschheit mit dem Paradiesischen umzugehen. All die ambitionierten Weltverbesserer, Bewegungsarbeiter, Romantiker und Fortschrittsgläubigen scheitern beim Versuch, die Welt zu retten oder zumindest ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Aber Emma Braslavskys Wissenschaftlerteam gelingt es, einen Hoffnungsträger in das Chaos zu implementieren: Newman, der neue Mensch, wenn auch bloß im Embryonalstadium.

Der Roman fordert dem Leser einiges ab, um den Überblick über das skurrile Figurenensemble zu behalten, das Braslavsky hier auf die Bühne bringt. Da die Autorin zudem auf eine durchgehende Erzählstimme verzichtet und Tagebucheinträge, Blogbeiträge, Dialoge mit Roanas Ich-Erzählung und Jivans, den Erzählfluss desavouierenden Einwürfen collagiert, stellt die Lektüre zunächst ein Vortasten in die feine Textur der Erzählung dar. Der Überblick entsteht im Zuge des Lesens, es entfaltet sich Stück für Stück ein Panoptikum authentischer Typen und abenteuerlicher Begebenheiten.

Braslavsky bedient sich zwar genretypischer Szenarien aus Science-Fiction, Abenteuer- und Robinson-Crusoe-Stoffen. Leben ist keine Art mit einem Tier umzugehen ist jedoch nichts von alledem. Dazu sind weltpolitischen Vorgänge, vor deren Hintergrund das Geschehen seinen Lauf nimmt, zu real und – bei aller partiellen Übertreibung – zu sehr im Rahmen des Möglichen und Vorstellbaren. Dem Leser bleibt die vage Hoffnung, dass zumindest die Methoden der Genlabors völlig frei erfunden sind und fern von jeder Realität liegen – vielleicht naiv wenn man berücksichtigt, wie akribisch Emma Braslavsky nach eigenen Angaben ihre Recherchen zu diesem Roman betrieben hat.

Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen. Roman.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.
457 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783518425442