Über M.R.C. Kasasians Kriminalroman „Der Fluch des Hauses Foskett“

 Gin, Zigaretten, Fräuleinwunder

London im Jahr 1883. Englands berühmtester Privatdetektiv Sidney Grice ist übelster Laune und verbringt viele Stunden in der Badewanne. March Middleton – sein Patenkind – langweilt sich bei Gin und türkischen Zigaretten. Was beide dringend brauchen ist ein neuer Kriminal-Fall.

Dieser Wunsch geht schneller in Erfüllung als erwartet: Ein rätselhafter Todesfall wird dem exzentrischen Ermittlerduo frei Haus geliefert: Horatio Green bricht in Grices Arbeitszimmer tot zusammen. Giftmord. Blausäure. Von da an ist Schluss mit der Langeweile im Hause Gower Street 125. March und ihr so scharfsinniger wie übellauniger Vormund Sidney übernehmen die Ermittlungen im Vergiftungsfall Green. Aber Greens Tod zur Teezeit ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Apotheker war Mitglied eines skurrilen „Finalen Sterbefall-Vereins“, dessen Mitgliederzahl im Laufe der Ermittlungen so rapide wie endgültig abnimmt. Natürliche Todesursachen können in den meisten Fällen ausgeschlossen werden. Es steht schnell fest: Hier ist ein Mörder von diabolischem Einfallsreichtum am Werk.

Die Mitglieder des Vereins sind nicht die sympathischsten. Ein schmuddeliger Zahnarzt (der seine “fettigen Strähnen über die schorfige Glatze gekämmt hatte“), ein gewissenloser Geschäftsmann, der eine haarsträubende Maschinerie zur Gewinnung von Katzenfellen entwickelt. Die Erbin eines Wurstimperiums, deren schönstes Geburtstagsgeschenk der Besuch im väterlichen Schlachthof ist. Der Leser kommt nicht umhin, die kruden Morde mit einer gewissen Genugtuung zu betrachten und immer wieder über sein ganz persönliches Gerechtigkeits- und Moralempfinden nachzugrübeln.

Einen Platz im Hundeblog verdient sich Martin C. K. Kasasian Krimi schon deshalb, weil er immer wieder den Umgang mit Tieren thematisiert. Seine Heldin March Middleton beschimpft Kutscher, die ihre Pferde schinden, und hat auch sonst das Herz am rechten Fleck. „Weichherzig“ so urteilt Mister Piggety, als er March durch seine Pelzgewinnungsanlage führt und sich über die „lächerlichen neue Gesetze“ mokiert, „die auf der abstrusen Vorstellung beruhen, Tiere würden auf die gleiche Weise leiden wie wir Menschen.“

Dem Autor Michael R. C. Kasasian jedenfalls scheint es Freude zu bereiten, für jeden einzelnen der fiesen Mitglieder des „Finalen Sterbevereins“ eine individuell fieses Ende mittels perfide ausgeklügelter Mordmethoden zu ersinnen. Seine Sidney-Grice-Reihe („Der Fluch des Hauses Foskett“ ist der zweite Band) lässt er aus Perspektive der Ich-Erzählerin March Middleton erzählen. Der erzählerische Kniff geht auf: In der Sprache der „weichherzigen“ March, werden auch die grauslichsten Greueltaten dem Leser verdaulich serviert. March, als unverheiratete und nach eigenem Urteil unattraktive Frau nicht gerade auf den oberen Sprossen der sozialen Leiter aufgestellt, hat Witz, ein scharfes Auge und eine erfrischend aufrichtige Art aus ihrem Leben an der Seite ihres Vormunds zu plaudern. Nie lamoryant berichtet sie von den Schikanen und Schrullen des einäugigen Privatermittlers Sidney, dem sie es nur in Ausnahmefällen einmal recht machen kann. Intelligent und selbstbewusst, steht das viktorianische Fräulein March ihre Frau als Detektivassistentin. Ist sie für sich alleine, raucht sie, trinkt Gin und gibt sie sich ihren romantischen Gedanken hin. In ihrem geheimen Tagebuch schreibt sie an einen verflossenen Verlobten, wobei March ungeniert Realität und Fantasie ineinander verschwimmen lässt.

Kasasian knüpft mit seinen Krimi an die Traditionen der alten britischen Klassiker an; Privatermittler wie Sherlock Holmes, Monsieur Poirot und Miss Marple bilden die Ahnenreihe, aus der Sidney und March auferstanden zu sein scheinen. Der Krimi ist im positivsten Sinne des Wortes „old school“. Das Setting im London des ausgehenden 19.Jahrhunderts zeigt eine Detektivwelt weit ab modisch-steriler forensischer Labors, High-Tech-Fandungen und Profiler-Professionalität. Gute Nase, scharfer Blick, Lupe und an paar technische Gimmicks reichen aus, um die bösen Buben zu schnappen. Für mich ist „Der Fluch des Hauses Foskett“ daher eine wohltuende Retro-Lektüre, die jedoch durch March Middletons frechen Sound keineswegs verstaubt daherkommt, sondern erfrischend wie ein mit Bergamotte-Wasser getränktes Spitzentüchlein.


Abbildung Cover: Rechte beim Verlag


Zum Buch:

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M. R. C. Kasasian :

Der Fluch des Hauses Foskett

Aus dem Englischen von Johannes Sabinski und Alexander Weber

Hoffmann und Campe / Atlantik-Verlag, Hamburg 2017

ISBN: 978-3-445-00064-1

496 Seiten, 20 Euro
Zur Homepage des Verlages

 

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