Über Keri Smiths Vademecum „Mach dich auf“

Join he Wander-Society!

„O, das glückselige Streifen über Felder und Hügel!

Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte Frische des stillen Waldes,

Der köstliche Erdgeruch bei Tagesanbruch und den ganzen Vormittag hindurch.“

Walt Whitman (1819-1892)

Keri Smith Wanderbuch „Mach dich auf“ ist ein ungewöhnliches Buch. Es changiert zwischen pragmatischem Ratgeber und literarischem Wanderführer. Letztlich ist es egal, in welche Genre-Schublade man das Büchlein stopfen möchte, der Autorin gelingt nämlich etwas Wunderbares: Das Buch bringt einem weg vom PC, runter vom Sofa, raus aus dem Büro, hinaus an die frische Luft. Ob auf dem Land oder in der Stadt: Das Büchlein ist eine Verführung zum Wandern und Flanieren.

Mit dem Fund eines Gedichtbandes von Walt Whitmans „Grashalmen“ (Originaltitel: Leaves of Grass) in einem Buchladen beginnt für die Autorin die Suche nach einer rätselhaften Geheim-Organisation: Der Wander-Society. Ein anonymer Club von Menschen, die sich – ganz im Geist von Walt Whitman und vielen anderen Schriftstellern und Denkern – hinaus in die Natur begeben, dort Wandern, Flanieren und – für einen kurzen oder langen Moment – die Gegenwart mit Smartphone, WhatsApp und Facebook vergessen.

Smith hängt sich an die Fersen dieses Geheimbundes. Sie entschlüsselt die geheimnisvollen Zeichen des Bundes und sinniert darüber, welche berühmten Schriftstellerinnen und Schriftsteller wohl Mitglied in diesem okkulten Verein waren und sind. Virginia Woolf und Walt Whitman, diese Kandidaten sind gesetzt. Henry David Thoreau und Hermann Hesse. Aber auch die großen Flaneure wie Baudelaire, Benjamin und Wilde. Keri Smiths Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Ich werfe Theodor Fontane und Adalbert Stifter in den Ring. Das Buch verleitet zum Mitmachen, Mitdenken und Weiterlesen. Wann hatte ich zum letzten Mal ein Buch dabei, wenn ich nach draußen ging? Lang ist es her.

Smith empfiehlt für Touren keine raschelnde Goretex-Funktionskleidung sondern dezentes Wachstuch. Dafür aber drei bis vier Bücher (zum Wechseln). Die Idee dieser speziellen aber keineswegs elitären Wandervögel ist frappierend, überzeugend und macht Appetit aufs Mitmachen. Keri Smiths Buch ist – wie auch ihre anderen Bücher – ein Mitmachbuch. Neben Zitaten von James Joyce und Virginia Woolf finden wir Nähanleitungen für Dinge, die man beim Wandern unbedingt braucht: Pulswärmer und Brustbeutel. Keri Smith empfiehlt, sich ein Abzeichen mit dem Logo der Wander-Society zu sticken. Ein Blitz, ähnlich dem auf der Stirn Harry Potters.

Sympathisch: Da der Verein ja geheim ist, trägt man das Zeichen an einer nicht sichtbaren Stelle. Ich gestehe: Ich habe ernsthaft daran gedacht, mir ein Emblem zuzulegen. Die Mischung aus präzisen Bastelanleitungen und philosophischen Einsichten über das Draußensein (was gleichzeitig bedeutet, dass man sich für begrenzte Zeit aus unserer hektischen Zeit verabschiedet) entwickelt Sogwirkung. Pepita – meine charmante Redaktionsassistentin – findet es prima, dass ich mich diesem Sog partiell hingebe. Wir sind häufiger draußen. Ich hänge meinen Gedanken nach (so entspricht es dem Manifest der Wander-Society) und Pepita verfolgt ihre eigenen Interessen.

Das Schöne bei der Wander-Society ist, dass auch die Vollmitgliedschaft ohne ermüdende Jahreshauptversammlungen auskommt. Ohne Paragrafen und Satzungsänderungen. Ja sogar ohne Mitgliedsbeitrag. Keri Smith bringt es auf den Punkt: Es ist schön, „zu irgendeiner Gemeinschaft zu gehören, die sich nicht trifft.“ Dem kann ich nur zustimmen.

Wenn man sich auch nicht persönlich trifft, empfiehlt Keri Smith eine nostalgische Form der Kommunikation: Man hinterlässt kleine Zettel mit Zitaten. Einen Satz von Thoreau, einen Gedanken Nietzsches, eine paar Zeilen Whitmans. Darüber würde ich mich freuen, auf meinen Streifzügen.

Keri Smith hat mir mit diesem Buch eine Freude gemacht. Das Büchlein ist handlich. Passt in jede Tasche und ist außerordentlich liebevoll gestaltet. Fotos und Fotomontagen, auf Reiseschreibmaschinen getippte Texte, Zeichnungen und Bastelanleitungen ergeben eine abwechslungsreiche und gut lesbare Grafik. Im Subtext notiert die Autorin ihre Anmerkungen „handschriftlich“ in die Fußzeilen. Das macht das Ganze authentisch.

Mit einem Augenzwinkern bemüht sich Keri Smith darum, ihre Recherchen auch wissenschaftlich zu fundieren und überlässt Professor J. Tindlebaum die einleitenden Worte zu ihrem Buch. Auf seiner Internetseite http://www.jtindlebaum.net/ dokumentiert Tindlebaum Sichtungen von Spuren der Wander-Society.


Beitragsbild: Rechte beim Kunstmann-Verlag


Zum Buch:

Keri Smith: Mach dich auf.

Aus dem Englischen von Astrid Gravert.

Verlag Antje Kunstmann, München 2017.

178 Seiten, durchgängig illustriert. 18 Euro.

ISBN 978-3-95614-174-4

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